Die Geschichte meiner Großeltern (väterlicherseits)

Nach der Geschichte der Eltern meiner Mutter habe ich die Geschichte meiner Großeltern (väterlicherseits) fertiggestellt. Die Recherchen haben mir zu einem vertieften Verständnis der Familiengeschichte verholfen.

Nachdem ich im Sommer die Geschichte meiner Großeltern mütterlicherseits im Familienkreis veröffentlicht habe, nähert sich nun der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Geschichte meiner Großeltern (väterlicherseits). Das Probeexemplar ist soeben eingetroffen; ins Auge fällt sofort der Korrekturbedarf beim Einband, bei dem ich offensichtlich einen Fehler gemacht habe. Den Text gehe ich in Kürze systematisch auf Fehler durch.

Die Ausstattung ist dieselbe wie beim ersten Großeltern-Buch: Hardcover, 120 Gramm schweres Fotomatt-Papier, Fadenbindung, gerundeter Rücken, Lesebändchen. Da ich beim selben Hersteller drucken lasse, ist gewährleistet, dass sich die beiden Bücher in der Hand gleich anfühlen. Dass sie sich auch vom Aussehen einander gleichen, liegt an mir – und an dem glücklichen Umstand, dass ich ein Foto und einen Kartenausschnitt in der richtigen Größe und Auflösung gefunden habe, die dieses Layout ermöglichen.

Auch die Gliederung des Textes ist dieselbe wie beim ersten Buch: Zuerst gebe ich einen biografischen Abriss des Lebens der beiden, wie er sich aus den mir vorliegenden Quellen ergibt. Dann bringe ich ein Gespräch mit den beiden Kindern (also unter anderem meinem Vater) und mir, das durch auf Interviews basierenden Kindheits- und Jugendberichten flankiert wird. Es folgen Erläuterungen zu wichtigen zeitgeschichtlichen Entwicklungen. Im vierten Abschnitt bringe ich Originalquellen wie Briefe oder einen Gesetzestext.

Mit 188 Seiten ist dieses Buch deutlich umfangreicher ausgefallen als das erste. Das hat zwei Gründe: Zum ersten lag mir deutlich mehr Material aus Familienbesitz vor, unter anderem die Personalakte meines Großvaters, der Angehöriger der preußischen Polizei gewesen war. Wie diese Personalakte in Familienbesitz gelangt ist, weiß ich nicht – ein außergewöhnlicher Glücksfall ist es in jedem Fall, denn sie erhält natürlich viele relevante Informationen. Zum zweiten habe ich im Bundesarchiv Material gefunden, in dem mein Großvater auftauchte.

Ich habe dem Buch ausführliche Erläuterungen und historische Schilderungen beigegeben, weil sich im Verlauf meiner Recherchen herausstellte, dass die Geschichte meiner Großeltern (väterlicherseits) nicht so unproblematisch war wie in der Familie überliefert. Die Suche ließ mich vielmehr erkennen, dass die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Krieg und Völkermord bis in meine Familiengeschichte hereinragt: Mein Großvater hat nämlich nicht nur als Wehrpflichtiger am Überfall auf Polen 1939 teilgenommen, sondern er war auch zweieinhalb Jahre als Polizist bei der Zivilverwaltung im »Reichskommissariat Ukraine« tätig, was nichts anderes heißt, dass er in einer nicht genau bekannten Weise am Holocaust beteiligt war.

Eigentlich hätte ich ahnen können, dass »da etwas war«, denn als Polizist – auch wenn er bei der Gendarmerie »nur« auf einem niederschlesischen Dorf seinen Dienst versah – war er natürlich in die NS-Diktatur integriert, und dass er in der Ukraine nicht »bloß den Verkehr zu regeln hatte«, hätte ich ebenfalls ahnen können. Aber gut, durch die Lektüre der Akten – nach dem Krieg wurden ers tin der Sowjetunion, dann auch in (West-)Deutschland wegen Verbrechen in der Gegend, in der er eingesetzt war, staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen – bin ich nun ein bisschen informierter als vorher, auch wenn ich nach wie vor nicht genau weiß, was er gemacht hat. Wenn ich bedenke, welche Verbrechen die Deutschen dort begangen haben, muss ich mit dem Schlimmsten rechnen.

Wie geht man mit der Erkenntnis um, dass die eigenen Vorfahren während der NS-Zeit sich an Verbrechen beteiligt haben? Dass auch Differenzieren (mein Großvater zum Beispiel war nie NSDAP-Mitglied, weil er, wie ich mit Gewissheit annehmen kann, kein Freund des Regimes war) nicht viel von der Schuld der Vorfahren nehmen kann? In meiner Familie ist die Erkenntnis zwar mit anfänglicher Enttäuschung, aber letztlich zum Glück mit großer Gefasstheit aufgenommen worden, vermutlich weil seitdem schon so viel Zeit vergangen ist. Wir sind ja nicht verantwortlich für die Verbrechen unserer Großeltern. Die wiederum sind es, aber es steht uns nicht an, über sie zu richten – hätten wir etwa anders gehandelt als sie?

Die Geschichte meiner Großeltern (väterlicherseits) aufzuschreiben, war eine arbeitsreiche Aufgabe, die mir wichtige neue Einblicke in die Familiengeschichte gebracht hat. Über die Erkenntnis, dass man zwar gerne einen Widerstandskämpfer zum Großvater gehabt hätte, in Wahrheit aber nur einen Mittäter vorzufinden, gelangte ich aber zu einem Bild der Familiengeschichte, das viel befriedigender ist: Ich geb mich keinen Illusionen mehr hin, sondern kann mich der Wirklichkeit stellen, die viele Grautöne bereithält. Allein dafür haben sich alle Anstrengungen, hat sich diese Reise in die Vergangenheit, die auch eine Bildungsreise war, gelohnt.

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