Wurde Sergej Skripal Opfer eines Anschlags?

Der Exilant Sergej Skripal und seine Tochter Julia sind in Großbritannien offensichtlich mit Nowitschok vergiftet worden. War es die Rache des russischen Geheimdienstes? Der Fall reht sich ein in eine längere Serie ungeklärter Todesfälle.

Foto: WorldSkills UK / flickr.com / CC BY 2.0

Niemand weiß, was mit Sergej Skripal und seiner Tochter Julia geschehen war. Man weiß nur, dass sie am 4. März 2018 halb bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury aufgefunden wurden und beide mit dem Tod rangen. Ein Polizist, der als Ersthelfer am Ort war, starb. Julia hat das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen können, ihr Vater nicht. Alsbald kam der Verdacht auf, dass im Auftrag des russischen Geheimdienstes auf die beiden Exilrussen – der Vater war einst Doppelagent gewesen und hatte nun Exil in Großbritannien erhalten – ein Anschlag verübt worden war.

Diese Beschuldigung führte zu einer schweren diplomatischen Krise, und zwar nicht nur zwischen Großbritannien und Russland, sondern gleich mehrerer NATO-Mitglieder – unter anderem Deutschland – und Russland. Insgesamt wiesen ungefähr 25 Staaten, die die britische Lesart des Vorfalls übernahmen, rund 150 Diplomaten aus ihren Ländern aus. Die russische Regierung antwortete mit einer ähnlichen Maßnahme. Sie bestreitet bis heute, dass Skripal und seine Tochter mit dem Nervengift Nowitschok aus russischen Beständen vergiftet wurde.

Auch wenn jüngste Meldungen darauf hindeuten, dass die Anschuldigung der britischen Regierung nicht unberechtigt ist, kann man als Außenstehender kaum beurteilen, wer lügt, und wer die Wahrheit sagt. Feststeht allerdings, dass die Ermordung von Dissidenten durch den russischen oder sowjetischen Geheimdienst im Ausland eine lange Tradition hat, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Und im Zuge der Ermittlungen zum Fall Skripal wurde in Erinnerung gerufen, dass es in den letzten Jahren in Großbritannien 17 mysteriöse Todesfälle von russischen Staatsbürgern in Großbritannien gegeben habe.

Diese Todesfälle wurden von den britischen Behörden offensichtlich seinerzeit nicht ausreichend untersucht, jedenfalls erscheinen sie rückblickend voller Ungereimtheiten: Konnte es ausgerechnet unter russischen Emigranten so viele Suizide und merkwürdige Unfälle geben? Ein Agent des britischen Geheimdienstes MI6 soll in diesem Zusammenhang zu Premierministerin Theresa May gesagt haben: »Wir wissen, dass die Russen ein Programm im Vereinigten Königreich unterhalten, um Leute zu töten, die sie nicht mögen.«

Aufgeklärt ist der Tod des Ex-Spions Alexander Litwinenko 2006. Er starb an einer Vergiftung mit Polonium, das aus Russland stammte. In einem umfangreichen Bericht rekonstruierte der von der Regierung eingesetzte Ermittler Sir Robert Owen, wie das teure Gift über Hamburg nach Großbritannien gebracht worden und Litwinenko verabreicht worden war. Ebenfalls bewiesen ist, dass der Tod des bulgarischen Exilanten Georgi Markows 1978 in London ebenfalls auf einen Anschlag mit Gift zurückzuführen ist. Dieser als »Regenschirmmord« bekannt gewordene Fall war offensichtlich eine Zusammenarbeit von bulgarischen und sowjetischen Geheimdiensten.

Was den aktuellen Fall angeht, legt es die Geschichte der Geheimdienstmorde nahe anzunehmen, dass auch der Ex-Doppelagent Skripal Opfer eines Rachemordes seiner Ex-Genossen geworden ist, obwohl er vor seiner Einreise ins britische Exil schon in Russland im Gefängnis inhaftiert worden war. Angesichts des Nebels, das geheimdienstliche Tätigkeiten naturgemäß umgibt, wird man wohl niemals sicher erfahren, ob diese Vermtung zutrifft. Vielleicht gelingt es den britischen Behörden, irgendwann einmal Licht ins Dunkel dieses Falls und anderer Todesfälle zu bringen, wie sie es auch im Fall Litwinenkos getan haben. Bis dahin bleibt dem Publikum wenig anderes übrig als kopfschüttelnd zuzusehen.

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