Der Sinn von DNA-Tests zur Herkunftsbestimmung

Mit DNA-Tests kann man mehr über seiner Ahnen erfahren, versprechen spezialisierte Firmen. Doch die Aussagekraft dieser Tests ist beschränkt. Kunden suchen vor allem Halt in einer unübersichtlichen Welt.

DNA-Test
Foto: dgrilla/Bildarchiv Universität Bielefeld / flickr.com / CC BY 2.0

Wo komme ich her? Das ist eine Frage, die die Menschen bewegt, seit sie zu Bewusstsein gekommen sind. Um sie zu beantworten, erforschen sie ihre Familiengeschichte: Sie befragen ihre Eltern und Großeltern, wälzen Kirchenbücher und sammeln alle erdenklichen Daten. Seitdem es das Internet gibt, ist die Suche deutlich einfacher geworden. Und seitdem das menschliche Genom entschlüsselt wurde, kann man die Frage nach der Herkunft ganz neu beantworten. Mit einem DNA-Test, so das Versprechen, erfährt man, aus welcher Weltgegend die eigenen Vorfahren wirklich stammen.

Einer dieser Anbieter ist MyHeritage DNA – es gibt natürlich noch andere. »Entdecken Sie Ihre ethnische Herkunft und finden Sie mit unserem einfachen DNA-Test neue Verwandte«, lautet das Versprechen. Dazu muss man lediglich eine Speichelprobe einsenden, und dann kann man sich auf der Firmen-Website ansehen, woher man stammt. Der Kunde T. Schaeffer aus Florida ist so zufrieden, dass er auf der Firmenhomepage bereitwillig Auskunft gibt: »Dank des DNA-Tests habe ich ein besseres Verständnis meiner Herkunft und genetischen Abstammung. Ich habe neue Verwandte gefunden.« Die DNA-Analyse in Verbindung mit der Datenbank des Unternehmens macht es möglich.

Ganz offensichtlich ist es populär geworden, die eigene DNA untersuchen zu lassen, um damit Rückschlüsse auf die eigene Herkunft zu gewinnen. Emma Braslavsky aus Thüringen hat das deshalb auch einmal ausprobiert und ihre Schlussfolgerungen in einer ziemlich kitschigen Geschichte veröffentlicht. Darin kommt es im 18. Jahrhundert zu einer Verbindung zwischen einem »Jüngling aus Frankreich, nennen wir ihn Elliot«, und »einer schmalen, hochgewachsenen Nymphe« namens Dalanda. Das Paar verschlägt es nach Europa, woraufhin einer der Nachkommen irgendwie als Großmutter oder Großvater der Autorin in Thüringen auftaucht.

Für Braslavsky waren die Tests eine Offenbarung. »Mit dem Tag, als ich die Ergebnisse sah, änderte sich mein Bewusstsein über das, woraus ich gemacht bin«, schreibt sie. »Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, ausgewiesene, Jahrhunderte alte Expertise in Sachen Flucht zu haben.« Und dann wird sie sehr gegenwartsbezogen, schlägt den Bogen zum aktuellen Migrationsgeschehen: »Wir glauben, es gäbe hier Leute ohne Migrationshintergrund. Das ist eine Illusion.« Angst um die europäische Kultur angesichts der Zuwanderung sei nicht angebracht. »Das Europa, das jedenfalls ich und viele, die ich kenne, verteidigen wollen, ist ein multikulturelles aufgeklärtes Biotop […]. Niemand, der nach Europa kommt, ist wirklich eine Fremde oder ein Fremder, sondern nur neu hier. Wir können leicht mit einem groß angelegten (europaweiten) genealogischen Gentest beweisen: Kaum einer von uns hier hat mehr die Gene der alten germanischen (oder indoeuropäischen) Völker.«

Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski dürfte der Botschaft Braslavskys nicht widersprechen; sie lehnt es gleichwohl ab, DNA-Tests zur Herkunftsbestimmungen zu machen. Sie hält es mit den Kritikern der Tests, die die Ergebnisse »Romantik der Herkunft« nennen, und macht darauf aufmerksam, dass es sich auch um»genetische Astrologie« handeln könne.

Sie lehnt aber auch die ganze Argumentation ab: Der Wert eines Menschen dürfe nicht daran gemessen werden, woher er stammt und von wem er abstammt – das gelte sowohl für die Rassisten, die sich offensichtlich auch verstärkt für diese DNA-Tests interessieren, als auch für die, die damit die Gleichwertigkeit aller Menschen beweisen wollen. Schön, wenn Braslavskys Vorfahren unter anderem aus Westfarika stammen, aber was, fragt Stokowski, »wäre, wenn bei irgendwem rauskäme, dass die Vorfahren seit über zweitausend Jahren in einem verlassenen Dachsbau im Spreewald wohnen? Darf diese Person dann ihre Angst vor Überfremdung voll ausleben?« Und: »Müssen wir ›alle Geflüchtete‹ sein, um Menschen, die Asyl suchen, Menschenrechte und Respekt zu gönnen?«

Stokowskis Kritik an Braslavsky hat wiederum Roger Letsch missfallen. Möglicherweise ist ihm ihr Kern nicht aufgefallen: dass die Menschenwürde nicht an vermeintlich oder tatsächlich wissenschaftliche Erbgutanalysen geknüpft sein darf. Aber er bringt einen anderen, berechtigten Punkt an. Er verteidigt nämlich den Wunsch der Kunden von MyHeritage DNA und anderer Firmen, mehr über ihre Herkunft in Erfahrung zu bringen, ohne zu beurteilen, ob der Weg über die DNA-Analyse sinnvoll ist oder nicht. Letsch kann den Wunsch von Menschen nach Heimat und Identität nachvollziehen – ein Wunsch, der, so unterstellt er, Vertretern der »Millennials« unverständlich bleiben wird. Und er empfiehlt, sich von den »Gerechtigkeitsaposteln, Gleichmachern, Nationalitätenabschaffern und Ein-gemeinsames-Europa-Bauern« wie Stokowski nicht verrückt machen zu lassen. Dann »braucht man auch keinen DNA-Test, um zu erfahren, woher man kommt.«

Damit sind sich Stokowski und Letsch im Grunde einig: DNA-Analysen sind Ausdruck eines Wunsches nach Vergewisserung über die eigene Identität in einer unübersichtlichen Welt, bieten aber keinen festen Grund. »Es hat überhaupt keinen seriösen informativen Mehrwert, zu wissen, dass irgendwelche Vorfahren irgendwann von irgendwo herkamen«, sagt Stokowski. »Ein Blick auf Eltern und Großeltern, ein paar Blicke mehr in Bücher, ein offenes Ohr für Musik und ein ebenso offenes Auge für die Welt sollten da genügen«, ergänzt Letsch. Und beide haben im Grunde recht. Wie immer bei der Familienforschung gilt auch hier: Es reicht nicht, dürre Daten zu sammeln. Man muss sie interpretieren und damit mit Leben erfüllen. Man muss die Vorfahren und ihre Lebensgeschichten näher kennenlernen. Aber DNA-Tests sind dazu ungeeignet.

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