Polnisch-israelische Verstimmung über die Konzentrationslager

In Polen ist es jetzt strafbewehrt, die deutschen Konzentrationslager in Polen »polnisch« zu nennen. Nicht nur aus Israel kommt daran Kritik. Zu recht, denn geschichtliche Wahrheit lässt sich nicht per Gesetz erzwingen.

Foto: Piotr Drabik / flickr.com / CC BY 2.0

Zwischen Polen und Israel gibt es zur Zeit diplomatische Verstimmungen, die nicht leicht zu verstehen sind. Das polnische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das mit Strafe bedroht, wer die in Polen zwischen 1939 und 1945 von Deutschen errichteten Konzentrationslager als »polnische Konzentrationslager« bezeichnet. »Die Lager, in denen Millionen Juden ermordet wurden, waren nicht polnisch«, sagte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. »Der Holocaust war auch für Polen eine Tragödie. Sechs Millionen Polen starben im Zweiten Weltkrieg, drei Millionen von ihnen waren polnische Juden.«

Aus Israel ist am Gesetz, das Polens Präsident Andrzej Duda mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt hat, unerwartet scharfe Kritik gekommen. So teilte der Knesset-Abgeordnete Jair Lapid mit: »Ich kritisiere das neue Gesetz in Polen, das versucht, die Teilnahme vieler polnischer Bürger am Holocaust zu leugnen.« Ähnlich tadelte Israels Staatspräsident Reuven Rivlin das polnische Gesetz, von dem er annimmt, es solle die polnische Mitschuld am Holocaust verleugnen: »Auch unter den Polen gab es solche, die den Nazis bei ihren Verbrechen geholfen haben. Jedes Verbrechen, jedes Vergehen muss verurteilt werden.«

Aus anderen Gründen unzufrieden mit dem Gesetz sind Wissenschaftler, die sich mit dem Holocaust befassen und nun befürchten, dass die Freiheit der Forschung durch die Strafandrohung beschränkt wird. Wird man nun weiterhin ungestört von Strafandrohungen für bestimmte Formulierungen arbeiten können? »Natürlich war das polnische Volk größtenteils nicht am Holocaust beteiligt, aber es gab Leute, die schreckliche Dinge getan haben – und das muss diskutiert werden«, sagte David Silberklang vom Internationalen Institut für Holocaust-Forschung in Jerusalem.

Ob sich das polnische Parlament mit dem Gesetz einen Gefallen getan hat, kann bezweifelt werden. »Die Autoren des Gesetzes haben die historisch falsche Bezeichnung ›polnische Todeslager‹ in die ganze Welt hinausgetragen, so effektiv wie niemand zuvor«, spottete EU-Ratspräsident Donald Tusk, der selbst Pole ist. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel betonte, dass es überhaupt keinen Zweifel darüber gebe, dass die Bezeichnung »polnische Konzentrationslager« falsch sei, weil es eben nicht Polen waren, die sie errichteten, sondern Deutsche, die in Polen eingefallen waren.

Warum der Streit entstanden ist, wird erst bei näherem Hinsehen deutlich. In Polen ist man empört, wenn im Ausland den Polen die Verantwortung für den Völkermord zugewiesen wird, und sei es unabsichtlich. Das Gesetz soll dabei helfen, das Bild Polens als Opfer der deutschen Aggression in der Weltöffentlichkeit zu festigen oder wiederherzustellen, und zwar unbeschadet der Tatsache, dass das Opfer der Juden noch größer war. Dieser Umstand führt nämlich dazu, wie Experten sagen, dass israelische Jugendliche nach dem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz ein deutlich schlechteres Bild von Polen haben als zuvor. Es finde die »Aufhebung der Trennlinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart« statt, erklärt der Historiker Moshe Zimmermann.

Dass an dem Gesetz nun ausgerechnet aus Israel so scharfe Kritik kommt, lässt sich mit einer Konkerrenz von Opfern um ihren Status in der Erinnerungskultur erklären. Zimmermann vermutet, dass sich für »das absolute Opfer, die Juden, andere Opfer, die Polen, in Täter zu verwandeln« scheinen. »Dabei scheint sich die Erinnerung an den Haupttäter zu relativieren. An dieser Stelle prallen zwei traditionsreiche kollektive Opferwahrnehmungen aufeinander und treten in Konkurrenz zueinander.« Und die Fakten geraten in den Hintergrund. Die Geschichte von Jair Lapids Großmutter jedenfalls, auf die er sich bei seiner Kritik bezog, lässt nicht den Schluss zu, sie sei von Polen ermordet worden.

Auch wenn das polnische Anliegen berechtigt ist, bleibt das Gesetz falsch. Denn jeder Versuch, die Wahrheit per Gesetz zu dekretieren, führt in Richtung Zensur und Unwahrheit. Die Wirklichkeit ist eben komplex und die Kategorien »Täter« und »Opfer« nicht immer sinnvoll. Es ist nämlich beides richtig: dass die Deutschen verantwortlich für »Auschwitz« waren und nicht die Polen, aber auch dass es polnische Kollaborateure gab, die den Deutschen bei der Umsetzung ihres Plans geholfen haben. Es gab in Polen Helden, die Juden geholfen haben, weshalb Polen die Nation ist, die unter den »Gerechten der Völker« die größte Gruppe stellen; zugleich war aber auch in Polen der Antisemitismus weit verbreitet und erlebte auch nach dem Krieg noch Ausbrüche. Sich dieser Geschichte zu stellen, bleibt weiter aufgegeben. Ein Gesetz wirkt da eher wie eine Nebelkerze.

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