Den Holocaust-Gedenktag abschaffen?

Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ist für Michael Wuliger Anlass zu fordern: Schafft ihn ab! Er argumentiert, dass der Inhalt nicht mehr begriffen, sondern vor allem zur »Eigenprofilierung« missbraucht wird.

Foto: Frankie Fouganthin / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Seit 2005 ist der 27. Januar der offizielle Holocaust-Gedenktag. Ausgerufen hat ihn die Vollversammlung der Vereinten Nationen, um damit an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch Soldaten der Roten Armee 1945 zu gedenken. In Deutschland gibt es seit 1996 einen Tag des Gedenkens an die Ofer des Nationalsozialismus, doch seitdem die Vereinten Nationen ihn ausgerufen haben, ist er weltweit ein Tag des Innehaltens.

In Deutschland stößt die auf den Holocaust sich beziehende Gedenkkultur hin und wieder auf Kritik. So hat jetzt der Journalist Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen eine deftige Polemik gegen den Holocaust-Gedenktag verfasst, in der er fordert, ihn abzuschaffen oder wenigstens nicht mehr zu begehen. »Lasst es bitte sein!«, ruft er aus. »Die Toten haben Besseres verdient.«

Wuliger ist der Meinung, dass vielerorts zwar Gedenkveranstaltungen abgehalten werden, doch dass die Art, wie das geschieht, erkennen lässt, wie wenig es allzu oft um die Sache geht. Vor allem die Verknüpfung des Gedenkens an den Massenmord mit Amüsierveranstaltungen geht ihm gehörig gegen den Strich. So wurde er einmal in ein Restaurant eingeladen, in dem während des Essens eine Holocaust-Überlebende berichten sollte. »Ich sagte die Einladung einigermaßen höflich ab. Manche Sachen passen einfach nicht zusammen.«

»Längst ist das vorgebliche Gedenken an die Millionen Ermordeten zum Event verkommen«, beobachtet Wuliger. Die Veranstalter setzten sich selber in Szene, der Holocaust und das Gedenken verkomme zum Beiwerk. »Wichtigtuer schlachten das Leid zwecks Eigenprofilierung aus.« Allerdings vermutet er, dass es noch viel ärger kommen könnte als bisher erlebt. Daher fordert er: »Machen wir dem Elend ein Ende! Streichen wir den 27. Januar aus dem offiziellen Kalender.«

Ob Wuligers Forderung nach Ignorieren des Gedenktages die richtige Lösung ist, sei dahingestellt. Recht hat er schon mit seiner Beobachtung, dass man ganz allgemein immer unbefangener mit dem Holocaust umgeht. Viele Menschen können mit dem Ereignis überhaupt nichts mehr anfangen; ihnen bleibt zum Beispiel die Bedeutung des Stelenfeldes in Berlin fremd. Doch ist Kapitulation die Lösung dieses offensichtlichen Problems? Oder sollte man nicht erneut versuchen, angemessene Formen des Gedenkens zu erschaffen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.