Pflichtbesuch für Migranten im Konzentrationslager?

Sollte man Asylbewerber zu einem Pflichtbesuch in einem Konzentrationslager verpflichten? Die einen sehen hier die Möglichkeit zur Stärkung der Gemeinsamkeit der Bevölkerung, andere bleiben skeptisch.

Besucherin im KZ Dachau bei München.
Foto: Adam Jones / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Die rasante demografische Veränderung Deutschlands bringt mit sich, neu über die deutsche Vergangenheit nachzudenken, die nicht mehr allen Einwohnern gemeinsam ist, weil viele von ihnen zugewandert sind. Sawsan Chebli, ranghohes Mitglied der Berliner Landesregierung, hat auf die Frage nach der deutschen Identität eine interessante Anwort gegeben: Sie wünscht, dass jeder Asylbewerber im Verlauf seines Lebens mindestens einmal einen Pflichtbesuch in einem Konzentrationslager macht.

Hintergrund ihrer Äußerung ist die Beobachtung, dass Zuwanderer aus der arabischen Welt auch ihren Antisemitismus mit nach Deutschland bringen und hier in der Schule oder bei Demonstrationen ungeniert zum Ausdruck bringen. Aus Berlin etwa wird von jüdischen Schülern berichtet, die von ihren arabischen Mitschülern systematisch drangsaliert werden, oder von Demonstrationen, auf denen schlimme antisemitische Entgleisungen zu hören sind.

Naturgemäß hat der unkonventionelle Vorschlag zu kontroversen Reaktionen geführt. Ein Kommentator des Berliner Tagesspiegels begrüßt ihn, weil »ein ideeller Kern« in ihm enthalten sei: »Die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere die historisch einmalige industrielle Vernichtung eines Teils der eigenen Bevölkerung, gehören zum und ins nationale Bewusstsein dieses Landes.« Man solle daher nicht zögern, sondern sogleich entsprechende Fahrten organisieren.

Beim Leiter der in der Nähe Berlins gelegenen KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Günter Morsch, stößt der Vorschlag aber auf wenig Gegenliebe. Verpflichtende Besuche seien bei mangelhafter Vor- und Nachbereitung wirkungslos oder wirkten sich sogar schlimmer aus. »Nicht zuletzt die Erfahrungen in der DDR haben gezeigt, dass diese Formen von Zwangspädagogik häufig kontraproduktiv wirken«, sagte er.

Was Zuwanderer aus arabischen Ländern angeht, sind besondere Zweifel angebracht. Wie Berichte aus der Arbeit von Lehrern mit arabischstämmigen Schülern zeigen, ist die Bereitschaft, sich mit dem Thema Holocaust zu beschäftigen, ziemlich gering. Denn das Bild von Juden ist eindeutig, und zwar grundsätzlich negativ. Das in Deutschland akzeptierte Narrativ passt nicht in ihre Lebenswelt, wie Lehrer Robert Lewanski erläutert. Sie »beharren vehement auf ihrer eigenen Position. Viele lassen eine Sichtweise, bei der Juden Opfer sind, schlicht nicht zu.«

Angesichts der Erfahrungen, die Lehrer mit Schülern aus arabischen Familien machen, ist der Vorschlag Cheblis wenig weiterführend. Schon jetzt lässt sich anhand der empriischen Wirklichkeit der ins Auge gefassten Zielgruppe erahnen, dass die Bereitschaft umzudenken und bekannte Erzähltraditionen zu verabschieden, verschwindend gering sein dürfte. Darüber hinaus kann man ruhig die Annahme in Zweifel ziehen, die Cheblis Idee zugrundeliegt: dass sich Einstellungen und Denkmuster mit irgendwelchen »Programmen« ändern lassen. »Identität« muss wohl anders gestiftet werden.

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