Die Enkel wollen die Stasi-Akten sehen

Bei der Stasi-Unterlagenbehörde werden immer weniger Anträge auf Einsicht in die Akten gestellt. Inzwischen interessieren sich immer mehr Enkel für die Geschichte ihrer Familien.

Stasi-Akten
Foto: Ian Weddell / flickr.com / CC BY 2.0

Das Interesse an den Akten, die das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) über die eigenen Bürger angelegt hat, ist auch im Jahr 2017 weiter zurückgegangen. Seit 1992 kann jedermann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen und erfahren, was das MfS – vulgo Stasi – über ihn wusste. Auf diese Weise konnte man herausfinden, ob man von Nachbarn, Freunden oder gar der eigenen Familie bespitzelt worden war.

Seit 1992 besteht die Möglichkeit, Licht ins geheimdienstliche Dunkel zu bringen, und insgesamt 3,2 Millionen Bürger haben sie genutzt. 1992 wurden 522.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt, 2016 waren es 48.000 und von Januar bis November 2017 nur noch 46.300 Anträge (die Zahl der Anträge im Dezember kann erfahrungsgemäß vernachlässigt werden).

Es sieht so aus, als sei die Hochzeit der Aufarbeitung der MfS-Vergangenheit in Deutschland vorbei. Doch interessant sind zwei Verschiebungen bei den Antragstellern. Hatten in den neunziger Jahren noch unmittelbar Betroffene und politisch aktive Bürger wissen wollen, wer sie kujoniert hatte, stellen jetzt verstärkt diejenigen einen Antrag, die sich inzwischen im Rentenalter befinden und – besonders interessant – Kinder und Enkel, die die DDR aus eigenem Erleben gar nicht mehr kennen. Sie wollen wissen, wie es ihren verstorbenen Familienmitgliedern ergangen ist.

Für den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, ist nicht nur deshalb gewiss: »Die Akten klären Schicksale auf, sie sind Dokumente von Menschenrechtsverletzungen und nach wie vor ein wichtiges Instrument der Aufarbeitung.« Sondern er glaubt auch, dass die Aufarbeitung des Stasi-Unrechts auch dann weitergehen wird, wenn die Betroffenen keinen Bedarf nach Aufklärung haben. Die Überführung der Akten ins Bundesarchiv wird bereits erörtert.

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