Weihnachten beim Ehepaar Wagner

45 Jahre lang machte Herr Wagner von sich und seiner Frau am Heiligen Abend ein Foto. Es ist eine faszinierende Langzeitstudie zweier Menschen, denen man näherkommt, ohne sie wirklich kennenzulernen.

Weihnachtsbaum
Foto: Peter Samow / flickr.com / CC BY 2.0

Fotografisch festgehaltene Langzeitbeobachtungen sind faszinierend: Sie zeigen, wie sich Menschen, Dinge oder Orte im Verlauf von Tagen oder Jahren verändern. Das kann – ganz profan – die Metamorphose eines Hamburgers sein, was unter Umständen einen gewissen Schauwert hat. Viel interessanter sind aber natürlich Menschen, von denen jedes Jahr ein Bild gemacht wird, womöglich immer in derselben Situation. Das Ehepaar Wagner zum Beispiel.

Zu den schönsten Bildfolgen gehört mit Sicherheit die des Ehepaars Wagner aus Berlin, die zwischen 1900 und 1942 entstanden ist und 1996 in Buchform veröffentlicht wurde. Es zeigt die kinderlosen Wagners jeden Heiligen Abend vor dem Weihnachtsbaum. Er war ein passionierter Amateurfotograf, der sich selbst, seine Frau, den Baum und die Geschenke sorgfältig arrangierte und für die Ewigkeit festhielt.

Die Bilder sind faszinierend anzusehen. Sie zeigen am Anfang das junge Paar – er war Beamter bei der Reichsbahn –, am Ende das alte. Und zwischendurch kann man sehen, wie es in ihrem Leben bergauf und bergab ging. Mal ist der Gabentisch etwas reicher gedeckt, manchmal etwas ärmer, und bei großer Not haben sie sogar ihre Mäntel an, weil es keine Kohlen gab zum Heizen.

Sie starb 1945 mit 71 Jahren infolge der Entbehrungen durch den Krieg – an Unterernährung. Fünf Jahre später segnete auch – mit 77 Jahren – er das Zeitliche. Die letzten Bilder sind traurig, weil man sieht, wie beider Leben sich dem Ende neigt und die Umstände so unglücklich sind. Außerdem wirken die beiden immer allein, auch wenn sie es vielleicht gar nicht waren – wer weiß das schon?

Überhaupt lassen die Bilder viele und wohl auch die wichtigsten Fragen offen: Was haben die beiden gedacht? Wen haben sie gekannt? Wie haben sie gelebt? Was haben sie zwischen den Fotos gemacht? Man wird das nicht erfahren, und das ist vielleicht auch gut so. Man lernt das Ehepaar Wagner durch die Fotos kennen, ohne sie wirklich kennenzulernen. Dadurch bleibt ein Rest, wegen dem das Betrachten der Bilder einen immer unbefriedigt zurücklässt. Und das ist großartig.

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