Der Holocaust als Druckmittel und Verfügmasse

Ein ICE mit Namen »Anne Frank« und eine Kleinkopie des Berliner Holocaust-Mahnmals als Bestandteil einer Polit-Aktion – der Umgang mit dem Zivilisationsbruch wird immer unbefangener.

Holocaust-Mahnmal Berlin
Foto: Anteeru / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Zwei Ereignisse im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Holocaust haben in jüngster Zeit für ein gewisses Aufsehen gesorgt: Erstens hat die Deutsche Bahn erklärt, einen der neuen ICE-4-Züge nach Anne Frank zu benennen, also dem Mädchen, das in einem deutschen Konzentrationslager ihr Leben ließ, aber durch ihr Tagebuch unsterblich wurde. Zweitens hat eine sogenannte Künstlergruppe eine verkleinerte Kopie des Berliner Holocaust-Mahnmals vor dem Privathaus eines Politikers – Björn Höcke von der AfD – in Thüringen aufgestellt.

Die Benennung eines Zuges nach einem jüdischen NS-Opfer und eine politische Aktion gegen einen rechten Politiker haben direkt nichts miteinander zu tun. Aber sie sind natürlich beide im Kontext des Zivilisationsbruchs zu deuten, den Deutsche unter Hitler begangen haben. Und hier zeigen sie vor allem, dass die – so kann man wohl sagen – Ehrfurcht vor dem Umgang mit dem Holocaust zu schwinden scheint. »Er wird immer mehr zu einem normalen Kapitel deutscher Geschichte, mit dem dazugehörigen Grad an Ignoranz für die Details«, meint der Publizist Gideon Böss.

Es sieht so aus, als würden viele die Bedeutung des millionenfachen Mordes an Juden heutzutage nicht mehr begreifen: Die Deutsche Bahn hat offensichtlich nicht erkannt, dass sie selbst unauflöslich mit der Deportation von Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager verbunden ist. Und den »Aktivisten«, die das Mahnmal für ihre Grenzüberschreitung verwenden, sehen darin offensichtlich auch nicht mehr als ein starkes Symbol, das nach Belieben verwendet werden kann.

Insbesondere die Aktion vor dem Privathaus des Politikers zeigt den Wandel besonders eindrücklich, wie Böss schreibt: »Zwei verfeindete Gruppen der Täterseite treten dabei gegeneinander an, während die (jüdischen) Opfer in dieser deutsch-deutschen Auseinandersetzung nur Mittel zum Zweck sind. Die einen möchten die Judenvernichtung zu einem Verbrechen unter anderen reduzieren und die anderen sie als Mittel nutzen, um ihre Gegner moralisch zu erpressen. Dass die sechs Millionen ermordeten Juden dabei als Druckmittel missbraucht werden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, scheint die Macher des Höcke-Stelenfeldes nicht zu stören.«

Vermutlich wird man bald wieder darüber berichten können, wie unbedarft sich Menschen dem Holocaust nähern. Die Zunahme von Fällen wie diesen ist in insofern normal, als die Zeitzeugen – Opfer wie Täter – aussterben und Berichte aus erster Hand bald nicht mehr verfügbar sein werden. Damit verschwindet ein wichtiges Element bei der Weitergabe der Erinnerung, das durch noch so gute Gedenkstättenpädagogik und Pflege der Gedenkkultur nicht ersetzt werden kann. Es wird sich weisen, welche Folgen diese Entwicklung hat.

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