Der heilige Nikolaus war ein Lykier

War der heilige Nikolaus von Myra ein Türke? Natürlich nicht. Diese Behauptung ist eine durchsichtige Vereinnahmung. Er stammte vielmehr aus Lykien und war Bürger des Römischen Reiches.

Der heilige Nikolaus / Ikone
Der heilige Nikolaus. Ikone aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Jean-Marc Pascolo / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Irgendwie ist es schon komisch, dass ein Mann, der im 4. Jahrhundert gelebt hat, noch heute so große Aufwallungen hervorrufen kann. Aber es ist so: Der heilige Nikolaus von Myra, dessen Tag heute, am 6. Dezember, begangen wird, ist in der Türkei und unter Türken, die in europäischen Ländern leben, eine kontroverse Persönlichkeit. Zumindest berichtet ein türkischer Autor von einer »Hexenjagd« gegen die »Nikolo-Weihnachtskultur«, gar von »Nikolo-Rassismus« gewisser türkischer Kreise in Österreich.

Anlass für die Emotionen ist offensichtlich die Herkunft des populären Heiligen. Man weiß nicht viel über ihn, nur dass er in der Zeit der Christenverfolgung im Römischen Reich Bischof in Myra gewesen sein soll, also im heutigen Demre, das in der Türkei liegt. Dort wurde er auch begraben. Doch als sich die Seldschuken 1087 anschickten, Myra zu erobern, entnahmen italienische Kaufleute die Gebeinde aus seinem Sarkophag in der Sankt-Nikolaus-Kirche und brachten sie ins heimische Bari, wo sie auch heute noch ruhen.

Nikolaus lebte und wirkte im anatolischen Myra, das heute zur Türkei gehört. Und eben dieser Umstand verführt auch heute noch und immer wieder dazu, Nikolaus für einen Türken zu halten oder wenigstens ihn für in der Türkei gebürtig zu erklären. Mögen auch patriotische, fromme Türkei in Österreich versuchen, ihre Kinder von Nikolaus-Feiern fernzuhalten und gegen die Verehrung dieses Heiligen in Brauchtumsfesten zu polemisieren, so besteht doch zugleich die Tendenz, Nikolaus in der türkischen Geschichte zu verorten und ihn für die moderne Türkei zu vereinnahmen.

Nichts könnte allerdings falscher sein, denn zu Lebzeiten Nikolaus‘ gab es nicht nur keine Türken in Anatolien, sondern nicht einmal Seldschuken, also jenes türkische aus Asien eingewanderte Volk, aus dem sich das Türkentum der Gegenwart entwickelte. Die eingehende Befassung mit der Frage ergibt eine eindeutige Antwort: »Der historische Bischof Nikolaus von Myra kann aufgrund der historischen Fakten kein Türke sein und ist demnach auch kein Türke.« Sondern es ist ein wenig komplizierter: »Der historische Nikolaus von Myra war ein Lykier und Bürger des Römischen Reiches und kein Türke.«

Der obengenannte Autor, der für die Türkische Kulturgemeinde Österreich schreibt, hat ein klares Anliegen: Er sieht, dass extremistische Kreise mit ihrer Abwehr des Nikolo-Brauchtums politischen Schaden anrichten, weil sie Islamfeinden damit eine Steilvorlage geben, gegen Muslime in Österreich zu polemisieren. Er schreibt: »Wir Austro-Türken lieben den humanistischen, christlichen Nikolaus, unseren Landsmann, und wir sind stolz auf ihn! Nein zu Nikolo-Kultureller Rassismus. Ja zu einer Kultur des Teilens und Gebens.« Das ist ein guter Ansatz: Respekt vor der Wahrheit und Respekt vor der Differenz sind eine gute Grundlage friedlichen Zusammenlebens.

Selbstverständlich bleibt die Versuchung bestehen, Nikolaus für sich zu vereinnahmen. Die gegenwärtige Erdogan-Regierung fördert die Islamisierung der Türkei und versucht, den Patriotismus zu stärken. Das ist eine ungute Mischung, die sich auf den verschiedensten Gebieten nachteilig auswirkt – in der Türkei und da, wo im Ausland Türken leben, die sich zur Umsetzung dieser Agenda berufen fühlen.

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