Drama von Gladbeck: Gerechtigkeit und Vergebung

Einer der beiden Geiselnehmer von Gladbeck 1988 kommt frei. Nach 30 Jahren sieht der Staat seinen Strafanspruch erfüllt. Doch können Opfer und Hinterbliebene ihm Vergebung gewähren?

Frau Steg See
Foto: Paola Chaaya / Unsplash

Im August 1988 hielten zwei Verbrecher ganz Deutschland in Atem: Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner hatten in Gladbeck eine Bank überfallen und hatten zwei Geiseln genommen. Jetzt waren sie auf der Flucht und kaperten einen vollbesetzten Bus. Das Besondere dieser Abfolge von Gewaltverbrechen war, dass die beiden Täter auf die Komplizenschaft der Journalisten vertrauen konnten, die ihnen auf den Fersen waren. Über Radio und Fernsehen konnte man jede neue Wendung des Falls mitverfolgen. Am Ende gelang es der Polizei zwar, die beiden dingfest zu machen, doch bis es soweit war, wurde eine Geisel kaltblütig ermordet, ein Polizist fiel währen der Verfolgung einem Unfall zum Opfer, eine weitere Geisel wurde bei der Verhaftung der beiden Täter erschossen.

Jetzt soll einer der beiden Täter, Dieter Degowski, aus der Haft entlassen werden. Die zuständigen Stellen haben entschieden, dass er nun reif für eine Leben in Freiheit ist und außerdem keine Gefahr für andere Menschen darstellt. Er hat bereits einige Freigänge hinter sich gebracht, bald kommt die endgültige Entlassung. Degowski hat Anspruch darauf, entlassen zu werden, da sein Verhalten bestimmte, genau festgelegte Kriterien erfüllt. Der Staat hat seinen Anspruch auf Bestrafung durchgesetzt, der Gerechtigkeit ist aus seiner Sicht genüge getan.

Für die damals Beteiligten liegt der Fall natürlich anders. So ist für Winrich Granitzka, der seinerzeit an führender Stelle in der Kölner Polizei an der Verhaftung beteiligt war, die Entlassung Degowskis schwer nachvollziehbar. Er hatte sich damals viel mit diesen beiden Kriminellen beschäftigt und hat sich heute ein hartes Urteil gebildet: »Bei beiden hat in der Kindheit und Jugend keine Sozialisierung stattgefunden – und wer nicht sozialisiert worden ist, kann nicht resozialisiert werden.« Auch bei ihm haben die Ereignisse tiefe Spuren hinterlassen. »Ich empfinde auch noch Jahrzehnte später ein Versagensgefühl. (…) Ich denke nicht jeden Tag daran, aber die Erinnerung ist da.«

Noch schwerer zu akzetieren ist die Entlassung natürlich für die Opfer und die Hinterbliebenen, die schwere Traumata davongetragen haben. Sie haben das Recht, Degowski und Rösner nicht zu vergeben. Aber allgemein gesprochen ist Vergebung wünschenswert, wie der Theologe Eberhard Schockenhoff erklärt: »Wenn sie vergeben können, dann befreien sie sich auch selbst von der Erinnerung an das Leid, das ihnen zugefügt wurde. Und dann finden sie auch zu einem produktiven Umgang mit dem, was sie erlitten haben.« Er weiß aber auch: »Es gibt Fälle, da reicht die Fähigkeit zur Vergebung einfach nicht aus.«

»Gerechtigkeit« ist ein großes Wort, und Gerechtigkeit ist für den Staate etwas anderes als für den Menschen. Was den Fall Degowskis und Rösners angeht, ist die Sache von Staats wegen erledigt; bei Degowski, sofern er sich an die Regeln hält. Rösner wird noch nicht entlassen, weil er sich anders als sein ehemaliger Komplize im Strafvollzug Therapien verweigert hat. Doch auch er wird vermutlich irgendwann wieder in die Freiheit zurückkehren. Schockenhoff hat natürlich recht mit seiner Darstellung der segensreichen Wirkung des Vergebens. Diese Arbeit werden allerdings andere zu leisten haben. Wenn sie es können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.