Eine Autobiografie über viele tausend Seiten

Rétif de la Bretonne und Karl Ove Knausgård haben jeweils eine Autobiografie über tausende Seiten verfasst. Doch wer heute seine eigenen Erinnerungen aufschreiben möchte, der kann ruhig etwas kleiner denken.

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Einer der produktivsten Schriftsteller des 18. Jahrhunderts ist heutzutage gänzlich unbekannt. Rétif de la Bretonne lebte von 1734 bis 1806 und verfasste über 200 Bücher, darunter zahlreiche Romane, aber auch Beschreibungen, die ihn zu einem frühen Soziologen machen, wie manche behaupten. Sein Hauptwerk ist aber seine Autobiografie, die es auf 16 Bände mit 5.000 Seiten bringt.

Diese Autobiografie ist so bedeutend, dass sie als einziges seiner Werke in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurde, die Buchreihe, die sich als Kanon der französischen Literatur versteht. Allerdings ist sie nicht so bedeutend, dass man sie dem deutschen Publikum in voller Länge zumuten könnte. Übersetzer Reinhard Kaiser hat sie deshalb auf 720 Seiten heruntergekürzt, was er durch die durchwachsene literarische Qualität rechtfertigt.

De la Bretonne liebte die Frauen, und deshalb spielen Bettgeschichten eine große Rolle nicht nur in seiner Autobiografie, sondern auch in seinen Romanen. Während Kaiser dem Autor die Beschreibung einschlägiger Szenen in der Autobiografie auf »unpornografische Art und Weise« attestiert, haben es andere Romane in sich. Daher gilt er als »Pornograf«, und Schuhfetischismus hieß zunächst, in Anlehnung an den Autor entsprechender Romane, »Retifismus«.

Allerdings muss man de la Bretonnes Schriften im Zusammenhang der Zeit lesen. Er gehört im weitesten Sinne in die Tradition der Aufklärung, und anders als de Sade, seinem literarischen Gegenspieler, ging es ihm um die Humanisierung von Prostituion und die gewaltfreie Einhegung der Sexualität. Er ist insofern außerdem ein moderner Autor, als er – als Schriftsetzer arbeitend – Zugang zu einer Druckerpresse hatte, die es ihm ermöglichte, seine Werke direkt, ohne Umweg über einen Verleger, in die richtige Form zu bringen. Er arbeitete also so, wie heute ein Blogger.

Eine zweite Verwandtschaft ist die zum norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, der soeben den sechsten und letzten Band seiner Autobiografie – besser: eines autobiografischen Romanzyklus‘ – mit insgesamt über 4.000 Seiten veröffentlicht hat. Hier verrät er fast alles aus seinem Leben, aber er beharrt dennoch darauf, dass es sich um Romane handelt. »Mich halten Leute auf der Straße an und fragen etwas zu meinem Vater«, erzählt er. »Leute, die ich noch nie gesehen habe, fragen mich das. Sie kennen die Namen meiner Kinder, meiner Frau, meines Bruders. Es fühlt sich sehr seltsam an, aber nicht so, als hätte ich meine Seele verkauft.«

Braucht man wirklich vieltausendseitige Autobiografien? Nein! Im Falle de la Bretonnes waren seine Aufzeichnungen vermutlich gar nicht so sehr auf Veröffentlichung ausgelegt, schließlich hatte er selbst gewisse Zweifel, ob sie ausreichendes Interesse stoßen. Und im Falle Knausgårds handelt es sich um eine Form der Literatur, also autobiografische Romane beziehungsweise eine Autobiografie, die das Kleid von Romanen angezogen hat.

Für einen Privatperson ohne literarische Ambitionen kann es gerne »eine Nummer kleiner« sein. Man rafft die Darstellung der Ereignisse, wozu auch die unzuverlässige Erinnerung beiträgt. Aber das ist alles kein Nachteil, schließlich sollte man auch an die Leser denken. Und die wollen wissen, was der Großvater, die Tante oder die Eltern konkret getan haben und was sie heute darüber denken. Dazu bedarf es keiner vielbändigen Werke, die – das kann man sicherlich mit einem gewissen Recht unterstellen – sowieso keiner liest. Aber was nützt dem Autor das schönste Buch, das keine Leser findet?

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