Selbstmitleid? Hör auf damit!

Jeder erfährt Ungerechtigkeiten. Doch Selbstmitleid ist immer am falschen Platz, denn es zieht einen nur noch mehr hinunter. Die eigene schlechte Lage sollte man akzeptieren lernen – oder ändern.

Frau blonde Haare Gesicht
Foto: Pablo Charnas / Unsplash

Wenn es um Selbstmitleid geht, hat Rolf Dobelli einen eindeutigen Rat: Lassen Sie es bleiben! Selbstmitleid ist auf der Opernbühne wunderbar, zum Beispiel in Leoncavallos Oper »Pagliacci«, und da kann man es auch genießen. Aber im wirklichen Leben hemmt es uns und führt in Abgründe, vor denen wir uns bewahren sollten – und glücklicherweise auch bewahren können. Also sagt Dobelli: »Akzeptieren Sie die Tatsache, dass das Leben nicht perfekt ist – Ihres genauso wenig wie irgendein anderes.«

Selbstmitleid hat die unschöne Eigenschaft, einen »gefährlichen Sog« zu entwickeln, wenn man nichts dagegen tut. Zuerst fühlt man sich von einem Menschen verlassen, dann allen seinen Freunden und schließlich von der Menschheit. Oder man forscht in der Vergangenheit nach der Wurzel aller Unbill, die einem in der Gegenwart widerfährt: In der Regel erinnert man sich spätestens auf der Couch des Therapeuten an irgendeine Ungerechtigkeit, die einem die eigenen Eltern zugefügt haben, worin der Grund dafür zu suchen ist, dass man nun im Leben gescheitert ist.

Man kann aber auch eine Art kollektive Psychotherapie vornehmen und nach den »Gründen« für die schlechte Lage ganzer Völker suchen. Beispiele gibt es genug. Doch Dobelli warnt: Man kann diese Ursachensuche immer weiter treiben – doch bis wohin? »Wie viele Jahrhunderte soll man zurückgehen, um die Vergangenheit ›aufzuarbeiten‹ – 100, 200, 500 Jahre?« Dobelli weiß, dass viele Klagen berechtigt sind, aber er stellt auch eine wichtig, vielleicht die entscheidende Frage: »Das alles könnte man aufarbeiten, doch wozu?«
Was das persönliche Leben angeht, so plädiert Dobelli dafür, die Schuld für dieses und jenes ab einem bestimmten Alter nicht mehr (zum Beispiel) bei den Eltern zu suchen, denn es gibt einen Zeitpunkt, an dem man selbst verantwortlich für das eigene Leben ist. Und außerdem gibt es überhaupt keinen Beweis dafür, dass Traumata der Kindheit prägend für die Persönlichkeit des Erwachsenen sind. Das zu akzeptieren, bedeutet Freiheit und persönliches Wachstum. »Es gehört zu den Regeln mentaler Hygiene, sich nicht im Sumpf des Selbstmitleids zu suhlen«, meint Dobelli.

Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten, mit all den Ungerechtigkeiten und Schicksalsschlägen, Niederlagen und Kränkungen fertig zu werden, die das Leben für alle unzweifelhaft bereithält. Über das Gestern zu klagen, gehört jedenfalls nicht dazu. »Worin liegt der Sinn, unglücklich zu sein, weil man einmal unglücklich war?« Vor allem sollte man sich auf die Gegenwart konzentrieren, was ganz einfach ist: »Wenn Sie etwas gegen die Widrigkeiten Ihres jetzigen Lebens unternehmen können, tun Sie es. Wenn Sie nichts dagegen unternehmen können, ertragen Sie die Situation.«

Dieser Rat ist irgendwie banal, aber er ist der einzig richtige. Gegen ein wenig Selbstmitleid ist ja wohl nichts einzuwenden – sofern man seine Umwelt nicht zu lange damit belästigt. Man sollte sich aber lieber früher als später daraus befreien – sich selbst und seiner Umwelt zuliebe. »If you find yourself in a hole, stop digging«, lautet der Rat von Will Rogers. Wenn du dich in einem Loch befindest, hör auf zu graben. Bei einem gesunden Menschen ist das immer möglich, man muss sich nur einen Stups geben. Selbstmitleid gehört nicht ins eigenen Leben, sondern auf die Opernbühne.

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