»Jamaika« war ein Projekt der »Generation Golf«

Der Versuch, eine Bundesregierung aus Union, FDP und Grünen zu bilden, ist gescheitert. Die »Generation Golf« ist auf dem Boden der Tatsachen zurück. Das ist auch gut so, meint Alexander Grau.

Ein ausgeweideter VW- Golf
Foto: Eric Menjívar / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Nein, Alexander Grau ist wirklich kein Freund einer Koalition von CDU/CSU, Grünen und FDP, einer so genannten Jamaika-Koalition. Das wird aus seinem Kommentar zum Scheitern der »Sondierungsgespräche« vor wenigen Tagen allzu deutlich. Für ihn handelte es sich beim Versuch, erkennbar unvereinbare Positionen zusammenzubringen, um das Vorhaben der »Generation Golf«, also derjenigen, die um 1970 geboren wurden und die Florian Illies in seinem Buch, dessen Titel namengebend war, porträtiert hat.

Für Grau ist die »Generation Golf« eine unreife Generation, eine Generation, die keine Entbehrungen kennengelernt hat und sich nicht vorstellen kann, dass die Lage auch einmal schlechter werden kann. Es handele sich um eine »Generation«, »die in den flauschigsten Jahren der Republik aufgewachsen ist, in einem scheinbar posthistorischen Paradies, einer Ära permanent steigenden Wohlstandes und ewigen Friedens. Die Tragweite der historischen Veränderungen der letzten Jahre weigern sich diese verwöhnten Kinder der alten Bundesrepublik wahrzunehmen. Deshalb sind Retromoden bei ihnen so populär. Denn kulturell und intellektuell steckt man noch immer in den achtziger und neunziger Jahren, kreist gedanklich um die eigene Sinnsuche, um Wohlstandsmehrung, Alterssicherung und den nächsten Fernurlaub. Und die Probleme dieser Welt, da ist man sich sicher, sind mit ein bisschen guten Willen und Vernunft schon zu lösen.«

Und eben jene »Generation« (immer in Anführungszeichen, denn wer könnte sie schon klar umreißen?) glaubte nun, meint der sichtlich angewiderte Grau, mit Schwarz-Gelb-Grün eine ihren Blütenträumen entsprechende Regierung gefunden zu haben: »Es war das Projekt der Wohlstandskinder der alten Bundesrepublik, jener, die behütet groß geworden sind unter Helmut Kohl, mit Wim Thoelke, ›Wettens, dass…?‹ und Dolomiti-Eis. In Jamaika kristallisierte sich das Lebensgefühl der Mittelstandssprösslinge der späten Bundesrepublik, derjenigen, die inzwischen Teil der neuen urbanen Elite geworden sind, erfolgreich, modern und international.« Im Leben hat diese Generation keine Härten kennengelernt, weshalb sie in den Augen Graus auch für die Bewältigung der kommenden nicht geeignet ist.

Dem Verhandlungsführer von der FDP, Christian Lindner, dankt Grau sehr dafür, dass der mit seiner Absage an eine Beteiligung an einer Regierung mit den Grünen den Stöpsel »aus dem Wohlfühlplanschbecken … gezogen« hat. »In diesem Sinne ist der Ausstieg der FDP aus Jamaika der überfällige Angriff auf die neubürgerliche schwarz-grüne Konsenspampe, in der sich die älter gewordene Generation Golf in ihrem Verlangen nach Behaglichkeit eingerichtet hat.« Und damit hofft Grau auf die Rückkehr dessen, was in Zeiten Merkelscher »Alternativlosigkeit« ein wenig in den Hintergrund getreten, etwas aus dem Blickfeld geraten ist: das Politische.

Wie das aussehen kann, da hat Grau auch schon ein paar Ratschläge parat: Die Parteien sollten sich darauf besinnen, was sie und ihre Programmatik eigentlich ausmacht. »Die Grünen müssen wieder lernen, eine Alternative zum kapitalistischen Massenkonsum zu formulieren. Die Konservativen müssen wieder Mut zu Positionen haben, die auch konservativ sind – und nicht die neue Urbanität für sich entdecken. Und auch die Sozialdemokraten wären gut beraten, darüber nachzudenken, ob links sein nicht etwas anderes bedeuten kann, als immer neue Gruppen sozial Bedürftiger ausfindig zu machen.«

Grau polemisiert – aber diese Polemik macht Spaß. Denn sie hat einen wahren Kern. Grau ist wie das Kind, das über den nackten Kaiser sagt, dass er nackt ist. So interessant die Vorstellung gewesen sein mag, dass Union, Grüne und FDP eine Bundesregierung bilden, so unwahrscheinlich war sie beim näheren Hinsehen und wurde auch durch noch so viele Insinuationen nicht wahrscheinlicher. Die Differenzen blieben einfach bestehen. Und so sehr sich die Beteiligten jetzt gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben und so sehr die Meinungsmacher Lindner als Übteltäter ausgemacht haben, so erleichtert kann man auch sein, dass wieder ein bisschen mehr Ehrlichkeit in die Regierungsbildung einzieht.

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