Was tun mit Hakenkreuz-Glocken?

In mehreren Kirchen hängen Glocken, die Hakenkreuze und NS-Propagandasprüche zeigen. Sie stammen aus den dreißiger Jahren und werden heute noch benutzt. Sollte man sie außer Dienst stellen?

Kirchenglocken
Im Zweiten Weltkrieg zerstörte Glocken der Kirche Sankt Marien in Lübeck. Foto: Torsten Bolten / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Nachdem herausgekommen war, dass in der evangelischen Jakobskirche eine Glocke in Betrieb ist, deren Inschrift Adolf Hitler bejubelt und die ein Hakenkreuz zeigt, hat man sich in ganz Deutschland auf die Suche nach derartigen Glocken aus der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945 begeben. Die Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz meldete, dass hier dass hier keine derartigen bekannt seien.

In Rheinland-Pfalz und im Saarland allerdings gibt es neben Herxheim noch vier weitere, in denen »Nazi-Glocken« hängen und in Betrieb sind: in Mehlingen, Pirmasens-Winzeln, Homburg-Beeden. Auf diesen Glocken lauten die Inschriften unter anderem »Drittes Reich«, »Saarbefreiung 1935« und »nationale Erhebung 1933«. Die Evangelische Kirche in der Pfalz empfiehlt den betroffenen Gemeinden, die Glocken abzuhängen, um auf die Empfindungen der sensiblen Gläubigen Rücksicht zu nehmen. Gleichzeitig unterstützt sie die Neubeschaffung von Glocken.

Fündig geworden ist auch die evangelische Landeskirche in Niedersachsen in zwei Kirchen, und zwar in der Michaelkirche in Fassberg (Landkreis Celle) und in der Kreuzkirche in Schweringen (Landkreis Nienburg). In Schweringen ist das Hakenkreuz 35 mal 35 Zentimeter groß, in Faberg nur 2 mal 2 Zentimeter. Während man in Fassberg die Glocke erst einmal nicht mehr läutete, als man sich dieses Erbes gewahr wurde, weiß man in Schweringen schon länger bescheid und verschweigt das Detail auch nicht. »Die Gemeinde hat sich im Laufe der Jahre entschieden, mit diesem Erbe offen umzugehen«, sagt Pastor Rudolf Blümcke.

Kirchenglocken werden quasi für die Ewigkeit angeschafft, und deshalb kann man sie nur außer Betrieb nehmen, wenn gewichtige Gründe dafür sprechen. Sind NS-Symbole und die NS-Diktatur lobpreisende Sprüche Grund genug? Ja, meint Arend de Vries vom Hannoverschen Landeskirchenamt. Wenn sich die Gemeinde einig über den Weiterbetrieb sei, sei dagegen nichts einzuwenden. Aber, gibt er zu Bedenken, »viele denken jetzt das Hakenkreuz und die Inschrift mit.« Doch zur Vernichtung solcher Glocken rate er dennoch nicht. »Man kann sich der Geschichte nicht entledigen.«

Für einen offenen Umgang mit den kontaminierten Glocken – und für ihre Weiternutzung – spricht sich der Glockensachverständige Sebastian Wamsiedler aus. Er plädiert dafür, die Geschichte der Glocken bekanntzumachen und gegebenenfalls den Klang umzudeuten, das heißt ihm andere Glockenklänge beizugeben oder die Glocke als Mahnglocke einzusetzen.

Es fällt auf, dass (bis jetzt) nur Glocken in evangelischen Kirchen von der Problematik betroffen sind und keine in katholischen. Das kann dadurch erklärt werden, dass die evangelischen Kirchen sich seit jeher viel stärker in den Dienst der jeweiligen Regierung gestellt haben als die katholische, die sich nach Rom orientiert, also »ultramontan« ist. Da man nach 1933 wenig Berührungsängste zur NS-Diktatur zeigte, sollte heute niemand überrascht sein, wenn Relikte dieser Nähe an die Oberfläche gelangen.

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