Polit-Aktion: 24 Stelen in Bornhagen

Das »Zentrum für politische Schönheit« hat 24 Stelen am Haus des AfD-Politikers Björn Höcke aufgestellt. Mit der Aktion demonstrieren Philipp Ruch und seine Freunde ihre Geschichtsvergessenheit.

Holcaust-Mahnmal in Berlin
Foto: Wolfgang Staudt / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Im thüringischen Bornhagen sind in dieser Woche 24 Betonstelen auf einem Privatgrundstück errichtet worden. Es handelt sich um Kopien der Stelen, die – in ungleich größerer Zahl – das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin bilden. Aufgestellt hat die Stelen eine Gruppe, die sich »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS) nennt und die in der Vergangenheit mehrfach durch spektakuläre, grenzüberschreitende Aktionen aufmerksam gemacht hat.

Der Leiter des ZPS, Philipp Ruch, erklärt die Aktion, die er als Kunst verstanden wissen will, mit der so genannten Desdner Rede des thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke vom Januar dieses Jahres, in der er sagte: »Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.« Diese Rede hat weithin für Empörung gesorgt und den Ruf der AfD als Sammelpartei für Rechtsextremisten gefestigt.

Ruch benennt diese Rede als Auslöser für die Aktion in Bornhagen. »Die Dresdner Rede, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vernichtung von sechs Millionen Menschenleben vermissen lässt, hat uns vielleicht tiefer erschüttert als alles andere«, erklärt er. Auf der Homepage, die das ZPS anlässlich der Aktion eingerichtet hat und auf der man um Spenden wirbt, heißt es, man verwandle »Höckes ›Denkmal der Schande‹ in ein Mahnmal der Verantwortung und bietet ihm die Gelegenheit, einen zeitgemäßen Umgang mit der deutschen Geschichte zu finden.«

Darüber hinaus hat das ZPS mitgeteilt, dass man den Politiker seit Monaten observiere und zahlreiche Details aus seinem Privatleben herausgefunden habe, die zu veröffentlichen man bereit sei. Höcke könne das allerdings abwenden, wenn er, wie weiland Willy Brandt in Warschau, »vor dem Denkmal auf die Knie fällt und für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg um Vergebung bittet, wollen wir der Ernsthaftigkeit seiner Läuterung glauben.« Für Erpressung hält Ruch die Forderung nicht, auch wenn sie mit einer Drohung arbeitet. »Gegen Nazis wenden wir nur Nazimethoden an.«

Das ZPS ist in den letzten Jahren mit verschiedenen – gelinde gesagt – derben Aktionen aufgefallen, die es allesamt als Kunst deklarierte. Unter anderem wollte man die exhumierten Leichname von auf der Fahrt übers Mittelmeer Ertrunkenen in Berlin neu bestatten, um auf die gegenwärtige Problematik von Flucht und Migration nach Europa aufmerksam zu machen. Ruch rechtfertigt derartige Grenzüberschreitungen mit seinem Kunstverständnis: »Kunst muss wehtun, reizen, Widerstand leisten. Wir sind keine Wohlfühlzone. Wenn die Leute nur klatschen, ist das für uns ein Albtraum. Wir machen aggressiven Humanismus.«

2015 hat Ruch ein Buch vorgelegt, in dem er seine Gedanken erläutert – und diese Erläuterungen sind in einer linken Zeitung schlecht weggekommen. Dort fühlt sich Rezensent Markus Ströhlein an vergangen geglaubte Zeiten – nämlich die Weimarer Republik mit ihren antidemokratischen Schwarmgeistern – erinnert. Ruch »bedient er sich so reichhaltig aus dem Arsenal der extremen Rechten, als befände er sich im Jahr 1925 und wolle sich an die Spitze der sogenannten Konservativen Revolution schreiben.« Und er wundert sich, dass die menschenverachtenden Positionen Ruchs bei seinen linken Fans gut ankommen.

Diese Kritik ist berechtigt und angemessen. Das ZPS zeigt in seinen Aktionen ein schwer zu ertragendes Maß an Verachtung für Andersdenkende, für die Demokratie und den Rechtsstaat. Man ermächtigt sich selbst dazu, einem diffusen »Humanismus« zur Geltung zu bringen, und verliert dabei jedes humanistische Maß. In welcher Tradition man dabei – wohl ohne es zu wissen – agiert, hat Ströhlein schon 2016 gezeigt. Mit der Aktion in Bornhagen wird offenbar, dass Ruch und seine Freunde ein bedenkliches Ausmaß an Geschichtsvergessenheit auszeichnet.

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