Gedenksonntag theologisch betrachtet

Der Gedenksonntag in Großbritannien ist ein säkularer staatlicher Akt. Um über das Trauma des Ersten Weltkriegs hinwegzukommen, müsste man seine christlichen Wurzeln wiederentdecken.

Falndern
»Shrapnel Corner, Flanders« aus dem Skizzenbuch von Mary Riter Hamilton. Foto: BiblioArchives / LibraryArchives / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Wenn die Tage im November immer kürzer werden und die Kälte einem in die Glieder kriecht, begehen viele Staaten offizielle Trauertage, die – zumindest in Deutschland und Großbritannien – an die Schrecken des Ersten Weltkrieges erinnern sollen. In Deutschland ist das der Volkstrauertag, der zwei Wochen vor dem ersten Advent begangen wird, in Großbritannien der Remembrance Sunday (Gedenksonntag) am zweiten Sonntag im November, also dem Sonntag, der dem 11. Movember am nächsten kommt, also dem Tag des Waffenstillstands von 1918.

Während der Erste Weltkrieg in Deutschland im öffentlichen Gedenken kaum mehr eine Rolle spielt, ist er in Großbritannien viel präsenter. Gerade erst hat Thronfolger Prinz Charles in Gegenwart seiner Eltern, Königin Elisabeth II. und ihrem Gatten Prinz Philip, einen Kranz am zentralen Denkmal für die gefallenen Soldaten in London einen Kranz niedergelegt.

Aber auch in Großbritannien gibt es Stimmen, die meinen, dass der Erste Weltkrieg Vergangenheit ist und keine Rolle mehr in der öffentlichen Erinnerung spielt. Doch das, meint Alexander Lucie-Smith, sei nur insofern der Fall, als die Beteiligten tot sind. Ansonsten bedeute der Erste Weltkrieg ein »riesiges Trauma in unserem gemeinsamen Bewusstsein«, was sich beispielsweise in den Soldatenfriedhöfen von Flandern und den dortigen erneuerten Gedenkstätten ausdrücke.

Eine Reise nach Flandern brachte Lucie-Smith zu der Überzeugung, dass der Erste Weltkrieg nach wie vor ein Trauma für »uns«, also die Briten darstellt: »Wir sind über den Ersten Weltkrieg nicht hinweg.« Und er hat auch eine Erklärung dafür, dass er nach wie vor eine offene Wunde ist. »Wir haben diesen schwer fassbaren Abschluss nicht gefunden. Wenn wir doch könnten! Der Zweite Weltkrieg ist anders, denn er hatte ein klares Ziel – Hitler stoppen. Der Erste Weltkrieg hatte keinen so klaren Grund, und deshalb sind wir von ihm so traumatisiert.«

Der Geistliche Lucie-Smith, der seinen Artikel im Catholic Herald veröffentlicht hat, hat naturgemäß eine religiöse Antwort auf die Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs. Er erinnert an die Einsetzungsworte Christi »Tut dies zu meinem Gedächtnis!«, die das Konzept des Gednkens als spezifisch christliches ausweisen, auch wenn es inzwischen säkularisiert worden ist. Hier verbinde sich das Gedenken an ein vergangenes Ereignis mit der Hoffnung auf Besserung und Erlösung in der Zukunft. »Das Gedenken, das sich am Gedenksonntag ereignet, kann am besten im Licht des Gedenkens auf Anweisung des Herrn verstanden werden. Wenn der Gedenksonntag irgendetwas bedeuten soll, darf man nicht nur zurückblicken, sondern nach vorn, und muss für zukünftige Generationen entschlossen eine bessere Welt schaffen.«

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