Eine neuer Beauftragter für die Stasi-Unterlagen in Berlin

Das Amt des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen wird in Berlin mit Tom Sello neu besetzt. Es wird breiter konzipiert, weil sich die Anfoderungen gewandelt haben. Überflüssig ist es noch lange nicht.

Verlassener Trabant im Wald.
Foto: Brigitte Mackscheidt / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Der neue Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen wird Tom Sello. Er wurde in Meißen geboren und ist heute 60 Jahre alt. Für die Nachfolge des scheidenden Landesbeauftragten Martin Gutzeit ist er wie prädestiniert: In der DDR gehörte er zu den Bürgerrechtlern, die mit ihrer gewaltfreien Arbeit das SED-Regime zum Wanken brachten. Sello arbeitete ab 1987 in der Umweltbibliothek mit und deckte den Betrug bei der Kommunalwahl 1989 auf. Für seine Leistungen ist er mehrfach ausgezeichnet worden, 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz.

In verschiedener Hinsicht hat sich das Amt des Stasi-Beauftragten fast erledigt. So sinkt die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht kontinuierlich, außerdem gibt es eigentlich keine unentdeckten Ex-Stasi-Spitzel mehr. Vor diesem Hintergrund soll sich das Amt mit dem neuen Inhaber wandeln: Zur Beratung von MfS-Opfern soll auch die Erforschung bzw. Aufarbeitung der gesamten DDR-Geschichte gehören. Auch hierfür ist Sello eine gute Wahl, wie er mit der Konzeption einer weithin positiv bewerteten Ausstellung über die »Wende« von 1989/90 auf dem Berliner Alexanderplatz bewiesen hat.

Beobachter der Berliner Szene sind sich einig, dass das Amt gleichwohl nicht überflüssig geworden ist. Das zeigt sich vor allem an der Affäre um Andrej Holm, den die Linkspartei zum Staatssekretär machen wollte. Holm hatte in der Endphase der DDR seine Linientreue als hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter zum Ausdruck gebracht, und als das anlässlich seiner Niminierung Gegenstand öffentlicher Diskussionen wurde, demonstrierte er, wie wenig er über seine damalige Rolle nachgedacht hatte. Robert Ide schreibt im Tagesspiegel: »Die Berufung Sellos ist auch eine Reaktion auf die eigene geschichtsvergessene Personalie. Sie zeigt: Berlin kann immer aus der Vergangenheit lernen.«

Die Berufung Sellos kann ein Signal verstanden werden: Auch 28 Jahre nach ihrem Ende ist die DDR noch lange nicht Vergangenheit. Mögen sich die Touristen an Souvenirs erfreuen, mögen die 40 Jahre ihrer Existenz bereits musealisiert sein – für konkret Betroffene der Diktatur ist diese Vergangenheit höchst gegenwärtig. Denn sie leiden immer noch darunter, dass sie nicht studieren durften, dass ihnen heimlich Dopingmittel verabreicht wurden oder dass sie in anderer Form das Unrecht zu spüren bekamen. Erst wenn alle gestorben sind, die als Täter oder opfer die DDR miterlebt haben, wird man diesen Teil der deutschen Geschichte für abgeschlossen halten können.

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