Rosemarie Koczÿ hat ihre Holocaust-Biografie gefälscht

Weder war sie Jüdin noch hat sie ein NS-Konzentrationslager überlebt: Rosemarie Koczÿ hat unwahre Angaben zu ihrer Biografie gemacht. Experten sind der Meinung, dass sie trotzdem eine große Künstlerin war.

Rosemarie Koczÿ
Rosemarie Koczÿ (1978). Foto: Emmanuel Yashchin / Wikimedia Commons / Gemeinfrei

In der Kunsthalle Recklinghausen läuft seit dem 28. August eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin Rosemarie Koczÿ, die 1939 in Recklinghausen geboren wurde und 2007 in ihrer Wahlheimat USA verstorben ist. Im Zentrum der Ausstellung stehen Zeichnungen Koczÿs, die den Schrecken der Konzentrationslager zum Thema machen. Koczÿs Ehemann hatte diese Zeichnungen dem Museum nach dem Tod der Künstlerin vermacht. Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. November – obwohl soeben ein Detail bekanntgeworden ist, das das Werk in einem anderen Licht erscheinen lässt: Weder war Koczÿ eine Jüdin noch war sie in einem KZ interniert.

Ihre »jüdische« Identität hat sich Rosemarie Koczÿ offensichtlich erst in den neunziger Jahren zugelegt. Denn eigentlich entstammt sie einem deutschen katholischen, nicht einem ungarischen jüdischen Elternhaus, wie jüngste Recherchen des Stadtarchivs Recklinghausen ergeben haben. Dort wollte man sichergehen, dass Koczÿ zurecht in die Liste der Opfer des Naziregimes aufgenommen wird. Doch die Meldekarte ist eindeutig, und einen »Arier-Nachweis« gibt es obendrein: Die Künstlerin hatte jahrelang unwahre Angaben zu ihrer Biografie gemacht.

Ihre Eltern Karl und Martha Koczy ließen sich scheiden, was auf schwierige Verhältnisse hindeutet – so wird nun die Lebenslüge zu erklären versucht. Koczÿ siedelte 1959 in die Schweiz über, wo sie die schweizer Staatsangehörigkeit erwarb. Sie studierte Kunst und spezialisierte sich auf Wandbehänge. Durch Vermittlung von Peggy Guggenheim kam sie nach New York, wo sie sich in ihrem Metier einen guten Namen erwarb und Erfolge hatte. Im Verlauf der siebziger Jahre verlegte sie ihren Schwerpunkt auf Zeichnungen, die den Holocaust zum Inhalt hatten.

In ihrer dreibändigen Autobiografie verbreitete Koczÿ die Geschichte, sie sei als Kind in das KZ Traunstein bei Salzburg deportiert worden und habe dort nur dank der Hilfe von Mitgefangenen überlebt. Doch das war extrem unwahrscheinlich, weil in diesem Außenlager des KZ Dachau nur Männer waren, die bei der Motorenmontage für Jagdflugzeuge eingesetzt waren. Nun ringt man um Erklärungen. »Möglicherweise hat sie als verfolgte Jüdin besser überlebt als als hin- und hergeschobenes Kind«, meint der Direktor der Kunsthalle Recklinghausen Hans-Jürgen Schwalm.

Nach der Aufdeckung der Lüge stand kurz die Frage im Raum, in welcher Weise die Recklinghauser Ausstellung davon berührt ist. Doch die Kunsthalle entschied sich, zwischen dem Werk und der Person zu trennen und die Ausstellung nicht abzubrechen. Schwalm erklärte: »Was nun die Kunst von Rosemarie Koczy anbelangt: Wir zeigen sie in der Kunsthalle Recklinghausen nicht, weil sie in Recklinghausen geboren wurde. Und … auch nicht, weil sie, wie sie selbst schreibt, als Kind zwei Konzentrationslager durchlaufen hat. Wir haben sie ausgestellt aufgrund der Qualität ihres Werkes.«

Zu dieser Entscheidung beigetragen hat wohl auch der Umstand, dass es Rosemarie Koczÿ mit ihrer Lüge erkennbar nicht darum ging, zu Berühmtheit zu gelangen. Sie war vielmehr schon lange eine erfolgreiche Künstlerin, deren Werke in der ganzen Welt gezeigt und von verschiedenen Museen angekauft wurden, als sie sich die Vergangenheit als Jüdin »zulegte«. Auch die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel hat Werke von ihr angeschafft, die den Holocaust thematisieren, von denen sie sich nicht trennen will. Ihre Kunst sei »eine Antwort auf den Holocaust und bleibt für unsere Sammlung relevant«, teilt man mit.

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