Nach der Straftat: Vergebung ist möglich

Viele Häftlingen möchten Vergebung für ihre Untaten erhalten. Das ist schwer, weil nur die Opfer sie gewähren können. Ein Gefängnisseelsorger hilft den Tätern, die eigene Schuld anzuerkennen.

Gefängnis
Foto: Owen Byrne / flickr.com / CC BY 2.0

Axel Wiesbrock ist Gefängnisseelsorger und hat daher täglich mit ganz »schweren Junges« zu tun. Mit Männern (und Frauen), die schreckliche Straftaten begangen haben und dafür mit einer Haftstrafe büßen müssen. Dennoch sagt Wiesbrock im Interview: »Ich habe noch keinen abgrundtief schlechten Menschen im Knast entdecken können.« Und oft bemerkt er, dass die Häftlinge den Wunsch nach Vergebung durch das Opfer ihrer Straftat verspüren.

Wenn die Täter den Wunsch äußern, ihr Opfer wiederzusehen, reagiert Wiesbrock allerdings vorsichtig. Denn ein solches Treffen kann die Retraumatisierung des Opfers bedeuten, allen guten Absichten des Täters zum Trotz. Vielleicht ist das Opfer auch gar nicht zur Vergebung bereit? So wünschenswert es ist, dass das Opfer dem Täter vergibt, so klar ist auch, dass Vergebung nur vom Opfer ausgehen und von keinem eingefordert werden kann. Und manchmal ist der Schaden auch so groß, dass eine Wiedergutmachung nicht möglich ist.

Vergebung durch das Opfer setzt ohnehin einen schwierigen Weg des Täters voraus: Er muss sich zunächst einmal selbst vergeben. Das heißt nicht, die eigene Schuld zu verdrängen oder kleinzureden. Sondern es heißt, die Schuld zu benennen, zuzugeben, zu akzeptieren, und einen Weg zu finden, sie in das eigene Leben zu integrieren. »Das ist eine große Aufgabe, für die man sich viel Zeit nehmen muss«, erkärt Wiesbrock.

Die Häftlinge »müssen Verständnis dafür entwickeln, dass sie zu einer solchen Tat fähig waren und ihre Wirklichkeit anerkennen. Das ist ja etwas zutiefst Menschliches, dass, wenn man sich daneben benommen hat, erst im Nachhinein darüber erschrickt. Das ist bei Inhaftierten nicht anders: Viele sind regelrecht entsetzt darüber, wozu sie in der Lage gewesen sind und leiden auch darunter.« Wiesbrock ist immer wieder Häftlingen begegnet, die sich ihrer Schuld stellen, die ihnen vor Gericht erst einmal von außen zugesprochen wurde.

Wiesbrock tritt den Häftlingen natürlich als Priester gegenüber und wird auch so wahrgenommen. Er hat bemerkt, dass sie »religiös musikalisch« sind, auch wenn die Religiosität bei ihnen nicht besonders weit entwickelt ist. Sie hoffen auf eine Instanz, die es ihnen ermöglicht, Vergebung zu erhalten. Das Ziel des Seelsorgers ist insofern bescheiden: Er hofft darauf, dass es den Häftlingen bei den Begegnungen mit ihm gelingt, »einen vagen Hauch davon [der Liebe Gottes – B.K.] zu spüren, zu erleben und zu erfahren.«

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