Ein ICE namens Anne Frank – warum nicht?

Der Vorschlag der Deutschen Bahn, einen ICE nach Anne Frank zu bennenen, kann als angemessen angesehen werden. Man darf den Holocaust nicht durch schiefe Vergleiche verharmlosen.

Anne Frank
Denkmal für Anne Frank in Barcelona. Foto: Vcarceler / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Die Idee der Deutschen Bahn AG, einen von hundert neuen ICE-Zügen der Baureihe 4 nach Anne Frank zu benennen, hat teils scharfe Kritik hervorgerufen. Die Bahn hatte den Namen auf eine Liste prominenter Deutscher genommen, die als Patrone infrage kommen, nachdem sie ihre Kunden befragt hatte und die diesen Namen überdurchschnittlich oft genannt hatten.

Kritiker waren von dem Vorschlag empört oder wenigstens verwundert, weil Anne Frank mit der Vorläuferorganisation der Deutschen Bahn, also der Deutschen Reichsbahn, ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden war. Ein Kritiker, Nils Kottmann, meinte, »dass die Züge der Deutschen Bahn, als Nachfolgerin der Deutschen Reichsbahn, nach wie vor ein Symbolbild für den Holocaust sind. Ein Täterwerkzeug nach dem Opfer zu benennen, ist ziemlich morbide.«

Doch gegen diese Kritik wird die Deutsche Bahn jetzt von anderen Stimmen in Schutz genommen. So ist Christian Soeder der Auffassung, dass die Aufregung über den Vorschlag nur entstehen konnte, weil man die Absicht der Bahn verzeichnete und unglückliche Formulierungen in der Pressemitteilung zu ihrem Ungunsten zuspitzte. Doch das, meint er, ist »kein offener Diskurs, das ist moralinsaurer Empörungswahn«.

Soeder weist auf zwei Aspekte hin: Erstens sei die Deutsche Bahn nicht dasselbe wie die Deutsche Reichsbahn, in Kottmanns Argumentation würden – unzulässigerweise – »die ICEs auf einmal zum Wiedergänger der Todeszüge«. Zweitens sei die Benennung eines Zuges nach einer Persönlichkeit nicht mehr und nicht weniger als eine Würdigung. Er fragt: »Soll der Konzern Anne Frank stattdessen verschweigen?«

Letztlich ist Soeder in der Frage, ob man einen Zug nach Anne Frank benennt oder nicht, gleichgültig. Indes warnt er vor den Weiterungen, die eine Entscheidung der Bahn gegen den Namen Anne Frank haben würde, sofern sie sich auf die Beteiligung der Reichsbahn an den Deportationen beziehen würde. Das nämlich wäre eine Verharmlosung des Holocausts, infolgedessen auch »Tierrechtsfanatiker von ›Hühner-KZs‹ sprechen« dürfen müssten.

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