Litauen debattiert über Adolfas Ramanauskas

Die Schriftstellerin Ruta Vanagaite kratzt am Mythos des litauischen Nationalhelden Adolfas Ramanauskas. Die Reaktionen sind heftig, denn die Vorstellung, er habe sich am Holocaust beteiligt, gefällt nicht.

Adolfas Ramanaukas
Adolfas Ramanaukas. Foto: Wikimedia Commons

Es war eigentlich nur eine Randbemerkung in einem Interview, doch das Echo war groß: Die Schriftstellerin Ruta Vanagaite hatte über den litauischen Nationalhelden Adolfas Ramanauskas die Vermutung geäußert, er könne womöglich nicht die eindeutig positive Rolle gespielt haben, die ihm allgemein zugesprochen wird. Vanagaite hat sich mit dieser Äußerung großen Zorn zugezogen, sie wurde unter anderem vom ersten Staatspräsidenten nach der sowjetischen Ära, Vytautas Landsbergis, als »Frau Duschanski« geschmäht – sie hieß der KGB-Offizier, der Ramanauskas 1956 verhaftete. Außerdem zog Vanagaites Verlag ihren Roman »Die Unsrigen«, einen Bestseller, aus den Buchhandlungen zurück.

Vanagaite hat kürzlich ihren familiengeschichtlichen Roman »Die Unsrigen« veröffentlicht, der 2016 auch auf Deutsch erschienen ist. Dieser Roman spielt vor dem Hintergrund des Holocaust in Litauen, als unter deutscher Besatzung 200.000 Juden erschossen oder in Vernichtungslager deportiert wurden. Dafür sind natürlich die Deutschen verantwortlich, doch Vanagaite lenkt die Aufmerksamkeit auf den Umstand, dass die Deutschen dieses Verbrechen nicht ohne die tatkräftige Mithilfe der Litauer durchführen konnten.

Hatte schon der Roman für große Diskussionen gesorgt, so trifft Vanagaites jüngst geäußerte Vermutung offensichtlich einen noch viel wunderen Punkt. Das kann allerdings insofern nicht verwundern, weil sie ihn ausdrücklich nicht als Schriftstellerin, sondern aufgrund ihrer eigenen Archivstudien geäußert hat: Es geht um eine Tatsachenbehauptung, die das Geschichtsbild der litauischen Mehrheitsgesellschaft berührt, in der Ramanauskas ein Held war, der nach dem Ende der deutschen Herrschaft gegen die Besatzung Litauens durch die Sowjetunion gekämpft hat.

»Ruta Vanagaites Äußerungen sind inakzeptabel und entsprechen nicht den Werten unseres Verlages«, ließ Vanagaites Verlag Alma littera verkünden. Landsbergis beschimpfte die Autorin als moralisch verkommen und empfahl ihr und ihrem Co-Autor Efraim Zuroff, »in den Wald zu gehen, nachzudenken und sich selbst zu verurteilen.« Derartige Reaktionen auf ihre Äußerung empfindet die Autorin zurecht als übermäßig. »Ich bin schockiert und fühle mich an stalinistische Zeiten erinnert«, meinte sie. »Ich habe ja kein Urteil über Ramanauskas gefällt, ich habe nur als Bürgerin Litauens gegenüber dem Parlament berechtigte Fragen zu einem geplanten Gedenkjahr angesprochen.«

Insbesondere Landsbergis‘ Schmähung als »Frau Duschanski« empfindet Vanagaites als »besonders hinterhältig und eklatant antisemitisch«. Seit ihren Recherchen zu »Die Unsrigen« ist sie nämlich mit Zuroff liiert, der beim Simon-Wiesenthal-Center der für Osteuropa zuständige Direktor und als Nazi-Jäger eigener Aussage zufolge in Litauen wenig beliebt ist. »Die Reise durch die Orte des Massenmordes endete, das Buch wurde veröffentlicht und ein Jahr später begann unerwartet eine weitere Reise. Die gemeinsame Reise des Lebens«, berichtete sie über sich und ihren Partner.

Welche Rolle Ramanauskas im Zweiten Weltkrieg spielte, bleibt einstweilen ungeklärt. Es ist allerdings anzunehmen, dass über ihn nicht alles bekannt ist und dass das Wunschbild nicht der historischen Wahrheit entspricht. Es wäre zumindest sehr verwunderlich, wenn ausgerechnet Ramanaukas keine Schuld auf sich geladen hätte in einer Zeit, aus der eigentlich niemand mit »weißer Weste« herauskommen konnte. Wann und ob überhaupt jemals die ganze Wahrheit herauskommt, ist allerdings ungewiss, denn es geht hier nicht nur um litauische, sondern genauso um die russische und post-sowjetische Geschichte. Möglich, dass es Stellen gibt, die weiterhin Interesse daran haben, dass die Ungewissheit andauert.

2 thoughts on “Litauen debattiert über Adolfas Ramanauskas

    1. Absolut richtig! Man könnte noch weitere Namen von Menschen nennen, die wegen ihrer Haltung Märtyrer (im weiteren Sinne) wurden und deshalb auch heute noch Vorbilder sind. Leider sind sie Ausnahmen geblieben.

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