Herta Müller und der serbische Nationalismus

Eine Bemerkung von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bringt serbische Nationalisten in Wallung. Sie halten Serbien für ein unschuldiges Opfer der NATO-Intervention von 1999.

Herta Müller
Herta Müller, 2016. Foto: Heike Huslage-Koch / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0 (Ausschnitt)

Wie schwer es für eine Gesellschaft ist, sich mit der eigenen unrühmlichen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das demonstriert in diesen Tagen einmal mehr Serbien. Hier bedurfte es nur ein paar Sätze der Schriftstellerin Herta Müller auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Belgrader Buchmesse, um Reaktionen auszulösen, die den Stand der Aufarbeitung sehr genau markieren.

Müller ist als Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien aufgewachsen und hat leidvolle Erfahrungen mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate machen müssen, die sie auch in ihren Romanen verarbeitet hat. In Rumänien wurde sie ausgespitzelt, diffamiert, isoliert und beruflich behindert. Selbst als sie schon in der Bundesrepublik lebte, war sie im Visier der Securitate. 2009 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

In ihrem Werk hat sich Müller intensiv mit diesen Erfahrungen auseinandergesetzt, und danach äußerte sie sich mehrfach auch zu aktuellen Fragen wie dem Krieg in Jugoslawien, in dem Serbien Kriegsverbrechen beging. »Wem nützt der Pazifismus, der beteuert, dass er gegen jeden Krieg ist, wenn ein Krieg tobt?«, fragte sie 1992 und sprach sich für eine militärische Intervention des Westens im jugoslawischen Bürgerkrieg aus, die 1999 auch erfolgte. Müllers Kommentar zur Politik des Präsidenten der Republik Jugoslawien (die vor allem aus Serbien besteht) Slobodan Milošević: »Wer in neun Jahren vier Kriege führt, wer so pragmatisch Friedhöfe macht, wie andere Straßen bauen, wer das Morden so gewohnt ist, wie ein Glas Wasser zu trinken, der ist durch Worte nicht zu erreichen.«

Daher konnte es nicht überraschen, dass sie auch bei der Veranstaltung in Belgrad keine Rücksicht auf serbisch-nationalistische Befindlichkeiten nehmen würde. Sie bekräftigte ihre seinerzeitige Bejahung des NATO-Krieges gegen Jugoslawien und betonte: »Dieses Land hat sich selbst Leid angetan, auch die Serben haben sich selbst Leid angetan, und damit müssen sie jetzt leben.« Außerdem griff sie die serbisch-orthodoxe Kirche an, indem sie ihr eine Mitschuld an den Verbrechen gab.

Schon während der Veranstaltung wurde das Publikum unruhig, die ersten Besucher verließen den Raum. Das Echo auf Müllers Aussagen in den Medien war einhellig: »Müller missbraucht unsere Gastfreundschaft«, hieß es da, sie vertrete einen »Angst machenden, tiefen und primitiven Hasses gegen die Serben, wie ihn die Deutschen sonst einzig gegen die Juden gezeigt haben« und »Skandal: Die Tochter eines SS-Offiziers spuckt auf Kirche und Serben«.

Auch viele Intellektuelle kritisierten Herta Müller scharf. »Sie hätte besser zu einer Militärparade oder zur Automobilmesse als zur Buchmesse eingeladen werden sollen«, meinte etwa der international anerkannte Regisseur Emir Kusturica. Die Welle aggressiver, aus Selbstmitleid und Schuldabwehr gespeister Rhetorik schwappte jedenfalls hoch.

Diese Reaktionen auf zumindest nachvollziehbaren Einschätzungen Müllers zeigen: Die serbische Gesellschaft ist als Ganze noch weit davon entfernt, sich mit den eigenen Fehlern und der eigenen Schuld auseinandergesetzt zu haben. Der Weg der Versöhnung mit sich selbst und mit den ehemaligen Kriegsgegnern, die ja enge Nachbarn sind, ist noch weit, da man keinen vorurteilsfreien Blick in die Vergangenheit wagt. Möglicherweise bedarf es hier gerade solcher Stimmen wie der von Müller, um den Prozess der Reflexion in Gang zu bringen.

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