Deutsche Bahn will ICE nach Anne Frank benennen

Auf den Namen Anne Frank, die mit der Reichsbahn in ein Konzentrationslager deportiert wurde, soll ein ICE der Deutschen Bahn getauft werden? Dieser Mangel an Feingefühl löst Empörung aus.

ICE-4
Ein ICE-4 auf Testfahrt. Foto: Rolf Heinrich, Köln / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Die Deutsche Bahn AG hat vor wenigen Tagen bekanntgegeben, welche Namensvorschläge für die Benennung der neuen ICE-Baureihe in die engere Wahl gekommen sind. Sie setzt damit die lange Tradtion fort, den schnellsten Zügen ihrer Flotte gleichsam ein Gesicht zu geben. Bis jetzt waren es Namen größerer und kleinerer deutscher Städte, die neue Baureihe 4 soll aber nach Persönlichkeiten benannt werden. Und hier hat vor allem ein Name heftige Reaktionen hervorgerufen: Anne Frank.

Anne Frank gehört mit Sicherheit zu den berühmtesten Deutschen. 1934 verließen ihre Eltern mit ihr und ihrer Schwester ihre Heimatstadt Frankfurt am Main, um sich vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Doch auch Amsterdam war für emigrierte Juden wie die Franks kein sicherer Ort, denn 1940 wurden die Niederlande von der Wehrmacht überrollt, und auch hier wurden nun die Juden verfolgt und in Konzentrationslager deportiert. Familie Frank begab sich 1942 in ein Versteck, wo Anne ein Tagebuch führte, das nach dem Krieg weltbekannt wurde. Doch das Versteck flog 1944 durch Verrat auf, Anne wurde erst nach Auschwitz deportiert und dann nach Bergen-Belsen, wo sie 1945 starb.

Dass auch Anne Franks Name auf der Liste auftauchte, die die Bahn als potenzielle Patrone für ihre neuen Züge präsentierte, ist verständlich und nachvollziehbar, denn durch ihr berührendes Tagebuch ist sie weithin bekannt und wird ausschließlich positiv wahrgenommen. Ihr Tagebuch wird nach wie vor gelesen, es erschienen viele Bücher über sie, ihr Schicksal wurde mehrfach verfilmt. Sie ist eine Persönlichkeit, die ganz zurecht neben anderen bedeutenden Persönlichkeiten wir Konrad Adenauer, Ludwig van Beethoven oder Hildegard von Bingen geführt wird.

Nun sind die Reaktionen teilweise sehr vehement: »Geht es noch geschmackloser?«, fragt etwa Klaus Hillenbrand in der taz. »Es ist also so, dass sich die Bahn mit dem Namen eines im Alter von 15 Jahren ermordeten jüdischen Mädchens schmücken möchte. Eines Mädchens, das ihr Vorgänger [die Reichsbahn – B.K.] umzubringen half.« Und in der FAZ erinnert Birte Förster: »Anne Frank aber reiste nicht zu Besichtigungszwecken, sie war nicht auf Dienstreise und nicht auf einem Forschungsabenteuer. Mit deutschen Eisenbahnen verbindet sie nur, dass sie von ihnen in die Hölle deportiert wurde.«

Man kann die Aufregung verstehen, denn es ist ja weithin bekannt – auch bei der Deutschen Bahn AG, hofft man zumindest –, dass die Deportation der Juden in die Ghettos und Vernichtungslager durch die Nazis nur möglich war, weil die Reichsbahn ihre gesamte logistische Kompetenz aufbot. Es klingt banal, aber man muss darauf hinweisen: Der Massenmord musste irgendwie technisch umgesetzt werden, und hierbei leistete die Bahn den Mördern gute Dienste. »Ein Täterwerkzeug nach dem Opfer zu benennen, ist ziemlich morbide«, meint ganz zurecht ein Kommentator, der in dem Namensvorschlag einen »völligen Mangel an Feingefühl« oder einen »tiefschwarzen Humor« sieht.

Mangel an Feingefühl ist wohl das Mindeste, das sich die Bahn angesichts der Nominierung Anne Franks vorwerfen lassen muss. Sie hatte in Zusammenarbeit »mit unseren Medienpartnern Handelsblatt und Süddeutsche Zeitung« öffentlich um geeignete Namensvorschläge gebeten, es sollten »deutsche historische Persönlichkeiten aus den Bereichen Kultur, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Sport« sein, Persönlichkeiten, die »neugierig auf die Welt« waren, wie es zur Erklärung heißt. Sicherlich erfüllt der Name Anne Franks diesen Kriterien, und doch wäre ein Patronat angesichts des Kontexts völlig unangemessen.

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