In Wien wurde das Weltmuseum eröffnet

Aus dem völkerkundlichen Museum in Wien ist ein Weltmuseum geworden, das auch die eigene Geschichte thematisiert. Das Publikum interessiert sich immer stärker für die Herkunft der Objekte in ihren Museen.

Federkrone Montezumas
Kopie der Federkrone Montezumas im Museo Nacional de Antropología e Historia (Mexiko). Foto: Thomas Ledl / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

In der letzten Woche ist in Wien in der Hofburg das »Weltmuseum« eröffnet worden, in dem hunderttausende ethnografische Objekte, Fotografien und Drucke gezeigt werden. Das Museum ist die Nachfolgeeinrichtung des Museums für Völkerkunde, das vor drei Jahren wegen Umbaumaßnahmen und zum Zwecke der Neufassung des Ausstellungskonzepts geschlossen worden war. Die Bestände stammen aus Afrika südlich der Sahara, Nordafrika, Vorder- und Zentralasien und Sibirien, Ostasien (China, Korea, Japan), dem Insularen Südostasien, Süd- und Südostasien sowie Himalaya, Ozeanien und Australien, Nord- und Mittelamerika und Südamerika.

Die Vorläufer des völkerkundlichen Museums reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück, als am Wiener Hof wie an vielen Residenzen Europas Kuriositätenkabinette zum Vergnügen der Fürsten angelegt wurden. 1806 wurde ein Teil der Sammlungen des britischen Weltumseglers Thomas Cook in London aufgekauft und der Grundstock für das moderne Museum gelegt. Da die Donaumonarchie keine Kolonien hatte, mussten die Exponate auf dem internationalen Markt angekauft werden.

Während die Bestände die selben geblieben sind, hat sich der Anspruch des Museums grundsätzlich gewandelt. Man will nicht mehr nur Exponate aus fernen Weltregionen zeigen, sondern auch die Geschichte des Museums zum Thema machen. Vielleicht, könnte man vermuten, gelingt das leichter als in anderen Städten, weil das Wiener Museum zwar ebenfalls im Zeitalter von Nationalismus und Kolonialismus entstanden ist, aber das Problem der Unterdrückung fremder Länder und Völker nur indirekt – über den Ankauf von unter Umständen unrechtmäßig angeeigneten Stücken – eine Rolle spielt.

Während die Sammlungsbereiche anhand von Weltregionen abgegrenzt sind, werden die Exponate den Besuchern in 14 Themensälen präsentiert. Tagespolitisch am relevantesten ist mit Sicherheit »Im Schatten des Kolonialismus«, weil es hier um die Art des Erwerbs von Objekten außerhalb Europas geht – diese Diskussion wird unter anderem auch in Deutschland geführt, wo immer mehr Museen sich dazu durchringen, beispielsweise Gebeine, die aus früheren Kolonien nach Deutschland geschafft wurden, wieder in die Länder zu bringen, aus denen sie stammen. Andere wiederum – zum Beispiel das Berliner Ägyptische Museum, das die Büste der Nofretete besitzt – weigern sich, weil sie den Besitz gewisser Exponate für rechtlich einwandfrei erwiesen halten.

Was Wiener Bestände angeht, gibt es Bestrebungen, die »Federkrone Montezumas« dauerhaft wieder nach Mexiko zu schaffen, wo sie hergestellt wurde und in Verwendung war (genauere Details sind nicht bekannt), bevor sie im 16. Jahrhundert ihren Weg nach Wien fand. Das Weltmuseum lehnt die Forderung aus konservatorischen Gründen ab, der legale Besitz wird hier darüber hinaus nicht angezweifelt.

Die Konzeption des neuen Museums in Wien ist zeitgemäß: Man hat den Anspruch, fremde Kulturen in ihrem Eigenwert darzustellen und nicht in einer europäischen Perspektive. Direktor Steven Engelsmann sagt: »Jeder zweite Besucher, den ich führe, fragt, ob die Sammlungen eigentlich rechtmäßig hier nach Österreich gekommen sind.« Das Publikum ist sich der Problematik der Herkunft vieler Objekte in europäischen Sammlungen bewusst, und das Museum hat reagiert. Die Österreicher haben es wegen ihrer Geschichte leichter als andere Länder, aber auch die werden Antworten auf das gestiegene Interesse an der kolonialen Vergangenheit finden müssen.

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