Appell zur Aufarbeitung der Vergangenheit

Länder, die ihre diktatorische Vergangenheit nicht bearbeitet haben, können ihre inneren Konflikte nicht befriedigen. Das zeigt nicht nur der Streit um die katalonischen Unabhängigkeitsbestrebungen.

Belgrad
Belgrad. Foto: Tomasz Dunn / flickr.com / CC BY 2.0

Seit über vierzig Jahren hat Spanien die franquistische Diktatur hinter sich gelassen. Doch der aktuelle Konflikt über separatistische Bestrebungen in Katalonien lässt die Gespenster der Vergangenheit wieder auferstehen. Auf der einen Seite werden Gegner einer Loslösung von Spanien in Katalonien schnell als »Faschisten« geschmäht, andererseits tut die Zentralregierung in Madrid wenig, um dem Eindruck entgegenzuwirken, sie wolle eine demokratische Unabhängigkeitsbewegung niederknüppeln.

Für Marko Martin ist diese Konfliktdynamik ein Anzeichen für die »brüske Wiederkehr des jahrzehntelang Verdrängten«, also für die nicht ausreichend thematisierte Zeit der Diktatur in Spanien. Er schreibt: »Die an Bürgerkriegsszenen erinnernden Bilder im prosperierenden Barcelona aber zeigen, welcher Preis dafür zu zahlen ist, dass man seit den Jahren der transición die Franco-Zeit, aber auch die brutalen inneren Konflikte der Linken kollektiv beschweigt und die historische Aufarbeitung einigen Wissenschaftlern und Romanciers überlässt.«

Nicht nur der Fall Spanien, sondern auch die anderer Länder mit einer konfliktbeladenen jüngeren Vergangenheit zeigen Martins Auffassung zufolge, wie fatal es ist, wenn man nach dem Übergang in eine demokratische Regierungsform einfach zur Tagesordnung übergeht und das Geschehene zu vergessen versucht. Denn die alten Konflikte werden auf diese Weise nur verdeckt, aber nicht beseitigt. Die Wunden können nicht verheilen. Ob Polen oder Serbien, Ruanda oder Kambodscha: Die Konflikte werden eingefroren und in die Demokratie überführt. »Nichtaufarbeitung als Herrschaftspraxis«, nennt Martin das.

Dabei hat ausgerechnet Deutschland gezeigt, dass die reflektierende Beschäftigung mit der Vergangenheit notwendig ist, meint Martin. Im Gegensatz zu den genannten Ländern sieht er hierzulande durch die »Re-Education« nach dem Krieg und durch die intensive Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen eine stabile Gesellschaft und eine stabile Demokratie. »Die ›neue Erzählung‹, die nach der Kapitulation des massenmörderischen Nazi-Deutschlands zumindest im Westen Form anzunehmen begann hat unser Land nicht etwa geschwächt, sondern stabilisiert.«

Im Gegensatz dazu, meint Martin, macht die Nicht-Beschäftigung mit der Vergangenheit die Menschen empfänglich für neue totalitäre und andere Versuchungen. »Verschweigen macht nicht etwa souverän-gelassen, sondern mürrisch und aggressiv, permanent auf Revanche sinnend.« Regierungen berufen sich dann etwa auf einen schwer fassbaren »Volkswillen« und konstruieren »Volksfeinde«, die es zu bekämpfen gelte. Im Endeffekt würden dadurch die jeweiligen Gesellschaften gespalten wie in Polen oder nur durch einen vermeintlichen äußeren Feind wie in Unganr zusammengehalten.

»Aktivismus ohne Reflexion bleibt Leerlauf und hat Schlagseite zur Selbstzerstörung«, meint Martin daher. Er empfiehlt den Ländern, die es in den letzten Jahrzehnten geschafft haben, eine Diktatur abzustreifen, die intensive Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Vergangenheit. Beschweigen ist für ihn keine Alternative, und wer das anstrebt, dem ist mit Misstrauen zu begegnen. Denn: »Wer gesellschaftliche Aufarbeitung scheut und dafür lieber im Dunkeln munkelt, hat Absichten – fast immer die übelsten.«

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