Falsche Erinnerungen mit gravierenden Folgen

Das menschliche Gehirn ist formbar: Man kann falsche Erinnerungen erzeugen. Vor allem vor Gericht können sie allerdings fatale Konsequenzen haben, auch wenn sie subjektiv wahr sind.

Falsche Erinnerungen
Foto: BIG ALBERT / flickr.com / Öffentliche Domäne

Im Film »Total Recall – die totale Erinnerung« träumt Douglas Quaid davon, einmal auf den Mars zu reisen. Da er zu wenig Geld dafür hat, nimmt er die Dienste einer Firma in Anspruch, die ihren Kunden künstliche Erinnerungen ins Gehirn implantiert. Nach einer »Lobotomie« hat der Kunde Erinnerungen an Erlebnisse, die niemals stattgefunden haben. Im Falle Quaids geht die Lobotomie natürlich schief, weil sich die implantierten Erinnerungen mit echten, eigentlich gelöschten Erinnerungen überlagern. Es kommt heraus, dass Quaid schon auf dem Mars war und in Wirklichkeit ein Geheimagent ist – ein toller Film!

Bei »Total Recall« handelt es sich natürlich um Science Fiction. Doch so ganz lebensfern ist die Idee nicht, dass Erinnerungen manipuliert werden können. Denn das Phänomen der »falschen Erinnerungen« oder »Erinnerungsverfälschung« (englisch: false memories) ist in der Wissenschaft schon lange bekannt. Es handelt sich nicht um Lügen, denn die setzen eine entsprechende Absicht voraus, sondern um zumeist von außen suggerierte »Erinnerungen« an nicht stattgefundene Ereignisse, um Pseudo-Erinnerungen, die häufig in einer therapeutischen Situation erzeugt werden.

Zum Teil können geradezu haarsträubende »Erinnerungen« hervorgerufen werden, über die in der Fachliteratur berichtet wird: Eine Frau glaubte, vergewaltigt worden zu sein, Säuglinge gegessen, zur Sodomie und zum Zusehen am Mord einer Freundin gezwungen worden zu sein. Eine andere »erinnerte« sich daran, von ihrem Vater im Beisein der Mutter mehrfach vergewaltigt worden und dazu gezwungen worden zu sein, ihre Kinder abzutreiben. Das sind nicht die einzigen Fälle, in denen hinterher einwandfrei bewiesen werden konnte, dass die Verbrechen nicht stattgefunden haben konnten.

Besonders relevant sind falsche Erinnerungen bei Beschuldigungen sexuellen Missbrauchs. Hier kommt es immer wieder vor, dass Menschen Verbrechen beschuldigt werden, die nicht unplausibel sind, für die es aber keine Beweise gibt. Dann steht oft die Aussage des mutmaßlichen Opfers, die subjektiv ehrlich erfolgt, gegen die des mutmaßlichen Täters, der aber seine Unschuld nicht beweisen kann. Insbesondere wenn es um Kinder als mögliche Opfer geht, wird es schwierig, die Wahrheit herauszufinden, weil Kinder leichter zu manipulieren sind als Erwachsene. Ein besonders gravierender Fall waren hier die Wormser Missbrauchsprozesse, die nach vielen Jahren mit Freisprüchen endeten.

Eine besonders fragwürdige Rolle bei falschen Erinnerungen spielen Therapeuten. In der Regel sind sie es, die ihren Klienten Geschichten einreden, die so nicht stattgefunden haben – nicht in böser Absicht, sondern in guter, und zwar unbewusst. Hier setzt der Verein »False Memory Deutschland« an, der sich das Ziel gesetzt hat, Betroffenen von Beschuldigungen zu helfen, die auf falschen Erinnerungen beruhen. Er meint, ohne eine pauschale Beschuldigung aussprechen zu wollen, »dass die Wurzel dieses Übels in Therapien und Lebensberatungen liegt, die wissenschaftlich nicht fundiert und unverantwortlich sind.«

Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Therapien ist berechtigt – und schwerer zu beantworten, als es den Anschein hat. Ganz offensichtlich ist umstritten, dass und wenn ja, wie, wann und wie oft es vorkommt, dass Erinnerungen an traumatisierende Ereignisse aus dem Unterbewusstsein eines Menschen »zurückgeholt« werden können. Feststeht nur, dass es möglich ist – und dass dabei höchste Skepsis angeraten ist, weil unbewusste Annahmen, Wünsche, Wertvorstellungen, Beeinflussung durch Medien und andere kaum fassbare Faktoren den Prozess der Wiedererinnerung beeinflussen.

Während das Phänomen der falschen Erinnerung in der Wissenschaft schon seit langem bekannt ist, scheint es sich bei Gerichten noch nicht herumgesprochen zu haben, wie vorsichtig man sein muss. Es sind ja nicht nur die Zeugen, denen man zuweilen nicht trauen kann, sondern vor allem die Gutachter, die zwar als neutrale, sachliche Experten herangezogen werden, bei denen man aber dennoch die Möglichkeit in Betracht ziehen sollte, dass sie sich irren. Die Vermutung liegt nahe, dass zahlreiche Angeklagte für Taten bestraft werden, nur weil sie auf der Basis falscher Erinnerungen beschuldigt wurden.

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