Wenn der Vater anonymer Samenspender ist

Ein Vierzigjähriger befindet sich auf einer intensiven Suche nach dem Vater, einem anonymen Samenspender. Ruhe wird er erst haben, wenn er ihn gefunden hat. Doch die Aussichten sind gering.

Künstliche Insemination

Foto: Mehmet Pinarci / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Die Frage, was den Menschen stärker beeinflusst: die Gene oder die Gesellschaft, ist alt und von der Wissenschaft (noch) nicht beantwortet. Nur Martin Schünke hat sich entschieden. Der Vierzigjährige ist der Ansicht, dass die Gesellschaft, dass die Erziehung eines Menschen mehr zu dem beiträgt, was er ist, als die Gene. Schünke, den die FAZ in einem Porträt vorstellt und der jetzt vierzig Jahre alt ist, hat im Alter von 23 Jahren erfahren, dass sein Vater ein anonymer Samenspender ist.

Am Anfang stand ein Schock: Schünke nahm Kontakt auf zum geschiedenen Ehemann seiner Mutter. Der hatte seine Mutter und ihn verlassen, als er zwei Jahre alt war. In seiner Antwort auf den Brief offenbarte der Mann, dass Schünke mit einer Lüge aufgewachsen war. Angesichts seiner Zeugungsunfähigkeit hatte sich das Paar seinerzeit, in den siebziger Jahren, für diesen Weg entschieden. Der Mann hatte Schünke adoptiert, was für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen war.

Auf diese Weise quasi vaterlos gemacht, begab sich Schünke auf die Suche. Seinen Nachforschungen zufolge gab es in seiner Heimatstadt im Jahr seiner Geburt nur drei Arztpraxen, die den Eingriff vornahmen. Außerdem musste die Spende frisch gewesen sein, den die Möglichkeit zum Einfrieren von Sperma gab es damals noch nicht. Es ist also gut möglich, dass der Spender inzwischen verstorben ist, und vielleicht – das will Schünke zumindest nicht ausschließen – kam die Spende sogar von dem behandelnden Arzt selbst.

Es dauerte lang, bis Schünke den Schock überwunden hatte. Dabei half ihm eine Familienaufstellung, in der er seine Beziehung zu vier Vaterfiguren ordnete: zum leiblichen Vater, zu einem inzwischen verstorbenen väterlichen Freund und zu den beiden Partnern der Mutter, von denen der zweite ihn adoptierte. Das Resümé der Aufstellung ist gemischt: »Im Prinzip habe ich vier Väter, aber keiner ist für mich da.«

Außerdem ist es ihm im Verlauf seiner Vatersuche inzwischen gelungen, seiner Mutter zu verzeihen. Auch wenn sie ihm das Wissen um seine Herkunft verweigerte, hat sie ihn schließlich auf die Welt gebracht. Inzwischen akzeptiert er, dass sie in einer Zeit lebte, in der manche Dinge noch anders gesehen wurden als heute. »Ich hadere nicht. Ich bin froh, dass es mich gibt.«

Inzwischen haben sich nicht nur die moralischen Standards verändert, sondern auch die technischen Möglichkeiten sind größer geworden. Schünke ließ sein Erbgut untersuchen, um herauszufinden, woher seine Vorfahren kommen. Das Ergebnis besagt, dass er jüdische Vorfahren hat, die aus Bulgarien stammen. Wohl nicht von ungefähr ist Schünke inzwischen nach Sofia umgezogen. Den Gedanken, dass der Arzt, der auf dieses Profil passen würde, sein Vater sein könnte, bekommt er nicht mehr aus dem Kopf. Dass er seinen Verdacht beweisen kann, ist aber eher unwahrscheinlich.

Obwohl Schünke schon viel getan hat, um das Trauma des unbekannten Vaters zu verarbeiten, dauert der Prozess an. Er erklärt: »Die Sehnsucht nach Anerkennung und Bestätigung durch meinen echten Vater wird dann geradezu übermächtig. Die Sehnsucht, von ihm gesagt zu bekommen, dass alles gut ist, dass ich alles richtig mache und dass er stolz auf mich ist.« Daher geht die Suche weiter; er überlegt nun, mit seinem Bild gezielt nach Ähnlichkeiten mit möglichen Vätern zu fragen.

Das Ziel ist klar vor Augen: den leiblichen Vater finden. Doch was, wenn er ihm tatsächlich einmal gegenüberstehen sollte? Schünke hat nur eine vage Vorstellung, was dann passieren wird. Es sieht so aus, als wäre es ihm genug zu wissen, wer er ist und wie er aussieht. Die Fragen, die er sich zurechtgelegt hat, sind eher technischer Natur, klingen distanziert. Auch die Vorstellung darüber, was sich dann für ihn ändern würde, bleiben vage und klingen wenig emotional. Vermutlich würde er, sagt er, einfach »mein Leben weiterleben.«

Dieses Fazit steht in einem eigentümlichen Kontrast zu der intensiven Beschäftigung Schünkes mit dem Thema. Ist es vielleicht gar nicht so wichtig zu wissen, wer der leibliche Vater ist? Doch, natürlich ist es das, das zeigt die Suche Schünkes sehr deutlich. Aber es ist offensichtlich ein Unterschied zwischen dem Wunsch, über seine Herkunft bescheid zu wissen, und dem Wunsch, mit bestimmten Menschen Umgang zu pflegen. Schünkes Fall zeigt, wie wichtig das Wissen um die eigene Herkunft ist, ganz unabhängig von der möglichen Ausgestaltung des Kontakts zum Erzeuger.

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