Die Fake-Autobiografie von Delphine de Vigan

Der Roman »Nach einer wahren Geschichte« von Delphine de Vigan ist fiktiv, auch wenn er Wahrheit vortäuscht. Das macht seinen Reiz aus, doch nicht jeder Leser kommt damit zurecht.

Die Schriftstellerin Delphine de Vigan signiert ihre Bücher
Delphine de Vigan (2015). Foto: ActuaLitté / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Literaturverfilmungen sind für die Produzenten immer wieder dankbar, denn sie bekommen einen Stoff vorgesetzt, den sie nach ihrem Gusto bearbeiten können. Doch für den Konsumenten sind sie ein zweischneidiges Schwert, vor allem wenn sie die Vorlage kennen: Gelingt es Drehbuchautor und Regisseur, die Vorlage angemessen zu bearbeiten, den Geist, den das Buch verströmt, in der neuen Form angemessen wiederzugeben? Was die Verfilmung des Romans »Nach einer wahren Geschichte« von Delphine de Vigan angeht, die in Cannes präsentiert wurde, so ist der Regisseur offensichtlich der Aufgabe nicht gewachsen gewesen – auch wenn er Roman Polanski heißt.

Insofern ist es auch in diesem Fall angeraten, sich eher mit der Vorlage für den Film, also mit dem Roman selbst zu beschäftigen, der im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschienen ist. In der fiktionalen Geschichte (das muss betont werden) geht es um die Schriftstellerin Delphine de Vigan, die unter einer Schreibblockade leidet, weshalb ihre neue Freundin ihr zu helfen versucht. Allerdings dringt diese Freundin, die von Beruf Ghostwriterin ist, immer tiefer in ihr Leben ein und versucht, die Kontrolle zu übernehmen.

Nicht nur Polanski war begeistert, sondern auch die Kritik und die Leser schätzen das Buch sehr. Es ist nicht de Vigans erstes, und auch die ersten Romane waren so erfolgreich, dass sie inzwischen vom Schreiben leben kann. Die NZZ schreibt: »Das Spiel der Autorin mit den komplexen Identitäten ihrer Protagonistin, deren Antagonistin und ihrer eigenen Person verwirrt, fasziniert und betört. Es ist ein raffiniertes Täuschungsmanöver um Freundschaft und Manipulation, Phantasie und Wahn, um die Wechselwirkung von Autor und Lesern, das Changieren zwischen Autobiografie, Psychothriller, Freundschaftsroman, zwischen Roman über den Literaturbetrieb und Roman über das Schreiben.«

Vor allem für Leser, die sich für den Wahrheitsgehalt von Romanhandlungen interessieren, werden die Bücher von de Vigan interessant sein. Die Autorin selbst leidet allerdings unter dem ebenso verständlichen wie unangemessenen Wunsch zu wissen, ob der Autor die Ereignisse, die er zu Papier bringt, auch »wirklich« selbst erlebt hat. In einem ihrer früheren Romane tauchte auch ihre Mutter auf – zu schlecht verschlüsselt, wie de Vigan erkennen musste, als einige Leser begannen, Nachforschungen anzustellen und damit in das Privatleben der im Roman auftauchenden Figuren einzudringen. Auf eine gewisse Weise war das eine Grenzüberschreitung, die de Vigan in ihrem aktuellen Buch zum Thema macht.

Einerseits haben die Nachforschungen der Leser de Vigan »sehr verstört«, wie sie sagt. Dass die Neugierde und das Interesse an der Wahrheit jenseits des Romans so groß sein könnten, hätte sie nicht gedacht. Andererseits verweist sie in einem Interview auf die große Nachfrage in ihrem Heimatland Frankreich nach fiktional aufbereiteten Geschichten, die auf tatsächlichen Ereignissen beruhen. »Wir nennen dieses Genre ›Exofiktion‹«, erklärt sie. Und sie erzählt über ihre Herangehensweise beim Schreiben des aktuellen Romans: »Es ist eine Fake-Autobiografie und ein Spiel mit dem Leser: Ich überschreite die Regeln des Erzählens, ich fälsche – und am Ende weiß keiner mehr, was wahr ist und was nicht.«

Diese Unklarheit zu akzeptieren, ist für jeden Leser eine große Herausforderung. Denn eigentlich möchte man die Welt gerne übersichtlich und eindeutig haben. Allerdings ist die Ambivalenz, mit der de Vigan spielt, genau das, was den Reiz des Buches ausmacht. Man fragt sich, wauf welcher Ebene man sich als Leser gerade befindet – Realität oder Fiktion – oder ob die Figur im Roman tatsächlich das erlebt, was der Autor dem Leser suggeriert. Und man muss sagen: Die schlechtesten Romane sind es nicht, die mit diesen Unsicherheiten spielen. Der Genuss ist aber vermutlich dann am größten, wenn man akzeptiert, dass man Teil dieses Spiels ist. Dessen Schöpfer sollte man unbehelligt lassen.

So macht es de Vigan übrigens auch mit der Verfilmung ihres Romans. Sie freut sich darüber, dass ihn ein großer Regisseur verfilmen möchte, versucht aber nicht, Einfluss zu nehmen. Ein sympathischer Zug, weil sie damit zu erkennen gibt, dass Verfilmungen ihre eigenen Gesetze haben und ein guter Schriftsteller nicht unbedingt auch ein guter Drehbuchautor sein kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.