»Stolpersteine«: Lieben Deutsche nur tote Juden?

Seit Jahren werden europaweit »Stolpersteine« im Gedenken an jüdische NS-Opfer verlegt. Geerd Buurmann kritisiert: Das ist die Kehrseite des aktuellen Hasses auf lebende Juden und den Staat Israel.

Ein »Stolperstein« wird verlegt. Foto: Axel Mauruszat / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Aufmerksame, geschichtsbewusste Stadtbewohner haben sie bestimmt schon einmal gesehen, und wer Kenntnis von ihnen hat, dem fallen sie immer wieder auf: so genannte Stolpersteine, also kleine Messingtafeln, die in das Straßenpflaster eingelassen wurden. Sie erinnern vor den letzten freigewählten Wohnhäusern von Juden, Roma und anderen Verfolgten des NS-Regimes an das Schicksal der Genannten, also an die Deportation in ein Vernichtungslager. Verlegt werden die Stolpersteine seit 1992 vom Künstler Gunter Demnig, europaweit sind es inzwischen 61.000 Stück.

Diese erfolgreichen und beliebten kleinen Denkmäler werden vom Künstler und Publizisten Geerd Buurmann jetzt allerdings einer scharfen Kritik unterzogen. Er meint, dass mit ihnen die Juden auf ihren Opferstatus reduziert werden, was zur Folge habe, dass man von Juden auch heute irgendwie erwarte, vor allem Opfer, aber nicht denkwürdige Künstler, Wissenschaftler oder Kulturschaffende zu sein. Er polemisiert: »In Deutschland haben mehr Juden Denkmäler dafür bekommen, ermordet worden zu sein, als dafür, etwas geschaffen zu haben. Solange in Deutschland mehr Denkmäler für ermordete Juden stehen als für Juden, die aus ihrer eigenen Schöpfungskraft etwas erreicht haben, werden es lebendige Juden in diesem Land schwer haben.«

Buurmann blickt um sich und stellt fest, dass den toten Juden mehr Aufmerksamkeit gewidmet werde als den lebenden: überall Stolpersteine, und das zentrale Mahnmal zur Erinnerung an die Shoah in Berlin riesengroß. Zugleich fällt ihm aber auf, dass das Leben für Juden in Europa wieder gefährlich geworden ist, weil sie als Juden In Deutschland werden sie auf offener Straße beschimpft und ihre Synagogen in Brand gesteckt, im europäischen Ausland werden sie misshandelt und bei gezielten Attacken mit Autos oder Schusswaffen ermordet. Die Anschläge von Toulouse oder Brüssel sind nur die extremsten Beispiele aus einer ganzen Serie.

Neben diesen konkreten großen und kleinen Angriffen auf Juden in Deutschland und Europa erkennt Buurmann hierzulande eine beunruhigende Tendenz in der öffentliche Debatte. Für ihn ist die »Vergangenheitsbewältigung« durch die Deutschen geradezu ein Geschäftsmodell, was sich in der Differenz zwischen der Begeisterung für die toten und die Vernachlässigung der lebenden Juden offenbart. Ob im Kulturbetrieb, im Stadtmarketing oder im Wissenschaftsbereich – der Holocaust ist gut fürs Geschäft, meint er. »Wer einmal in Berlin war und sich in den Hotels die Reiseführer angeschaut hat, erkennt sofort, woran Berlin verdient: ›Third Reich Tour‹ und ›Hitler’s Berlin‹«, lautet seine bittere Diagnose.

Diese eigenartige Liebe der Deutschen für tote Juden erklärt in Buurmanns Augen auch, warum an der gegenwärtigen israelischen Politik so viel Kritik zu hören ist. Die Deutschen, meint er, »lieben die Familie Stolperstein. Die haben sich so schön vernichten lassen […]. Die toten Juden sind die gute Juden, verbrannte Wohlfühljuden quasi. Die lebendigen Juden nerven nur. Darum können viele Deutsche auch ohne Probleme zeitgleich mit der einen Hand einen Kranz für tote Juden an einem Mahnmal abwerfen und mit der anderen Hand einen Protestbrief gegen Israel verfassen, nicht obwohl, sondern weil es denn Holocaust gab und sie aus dem Holocaust gelernt haben, nämlich Israel zu kritisieren, gerade als Deutscher, damit sich die Juden dort so benehmen, wie sie es in Deutschland gelernt haben: wie ein Opfer!«

Das ist starker Tobak. Doch die Kritik an den Stolpersteinen und an »den« Deutschen ist maßlos, polemisch, einseitig und ungerecht. Allerdings ist sie auch legitim – und sie schärft durch ebendiese Eigenschaften die Sinne. Man kann sowohl über die deutsche Debatten- und Gedenkkultur auch über die konkrete Form der Erinnerung an die deportierten und ermordeten Juden geteilter Meinung sein als. Wie so oft, ist es eine Frage der Balance. Man kann etwa Stolpersteine für eine interessante Form der Erinnerung halten, weil sie unauffällig und dennoch eindringlich ist, und dennoch nicht in die »Israelkritik« einstimmen.

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