Neue Trends für Erwachsene: Ausmalen und »Handlettering«

Erwachsene kaufen Malbücher wie verrückt, und jetzt gestalten sie auch noch selber Schriften. Ist das eine Reaktion auf die Digitalisierung oder handelt es sich um nur zwei neue Moden im Hobbybereich?

Handlettering
Foto: regan76 / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Seit einigen Jahren lässt sich hier und in anderen Ländern der westlichen Welt eine interessante Mode beobachten: Erwachsene füllen vorgezeichnete Bilder mit Buntstiften aus. Als Vorlage dienen Mandalas, keltische Runen, Figuren aus Fernsehserien oder Gartenmotive. Aus irgendeinem Grund besinnen sich die Erwachsenen auf diese Beschäftigung, die normalerweise mit Kindern assoziiert wird. Und das Interessanteste ist: Die Erwachsenen tun es bewusst – und kaufen Malbücher, was das Zeug hält.

Über die Gründe für diesen Erfolg kann man nur spekulieren. Vielleicht hat das Ausmalen eine beruhigende Wirkung auf die gestressten Mittdreißiger und lässt sie deshalb abends besser einschlafen. Aber da könnten sie auch Entspannungsübungen machen oder einfach nichts tun. Vielleicht ist das das Geheimnis: Sie wollen entspannen, aber nicht nichts tun, sondern irgendetwas, und dieses Irgendetwas soll nicht das Smartphone, das erwiesenermaßen wegen des bläulichen Lichts das Einschlafen behindert, oder der Fernseher sein.

Die jüngste Mode ist das »Handlettering« (»Letter« ist Englisch und bedeutet »Buchstabe«), also das Schreiben oder bewusst ausdrucksvolle Gestalten von Texten per Hand. Ziel dieser Art zu schreiben ist es nicht, Informationen zu transportieren, sondern es geht in erster Linie darum, Buchstaben und Wörter gut aussehen zu lassen. Ob sie dann in irgendeiner Weise einer Funktion zugeführt werden, ist zweitrangig. Um Kalligrafie handelt es sich aber auch nicht, denn eine Kunst ist das »Handlettering« ebenfalls nicht, vielmehr »eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema Schrift«, wie Sandra Suppa vom Stiftehersteller Faber-Castell erklärt. Und mit Typografie – also der Kunst der Schriftentwicklung und Schriftgestaltung – hat der Trend auch nichts gemein.

Auch auf die Mode des Handschreibens hat die Industrie reagiert und bietet entsprechende Gerätschaften an; Blogger demonstrieren in Internet-Videos, wie man die besten Resultate erzielt. Und auch die Volkshochschulen haben mit entsprechenden Angeboten in ihrem Kursprogramm reagiert. Während die Mode des Ausmalens gerade zurückgeht, nimmt die des Handschreibens gerade erst Fahrt auf. Experten vermuten, dass beides zusammenhängt: Wer bis jetzt ausgemalt hat, will nun selber schreiben.

Eine Erklärung für dieses Phänomen zu liefern, fällt schwer. Ist es eine Reaktion auf die Digitalisierung und die immer komplexer werdende Welt? Während die Klage, dass alles immer schwieriger und komplizierter wird, alt ist und immergültig, ist der Hinweis auf die Digitalisierung neu und mit Sicherheit berechtigt. Aber vielleicht sind Ausmalen und Handlettering auch nicht viel mehr als neue Hobbys, die zu den bekannten hinzukommen. Die Erwachsenen haben schon immer gehäkelt, gebastelt und gebacken, um sich in die zweckfreie Sache zu versenken. Sie möchten sich beschäftigen, ohne ein Ziel dabei zu verfolgen, das außerhalb dieser Beschäftigung liegt. Das war gut, ist gut und wird gut bleiben. Die beiden neuen Formen gehören jedenfalls dazu.

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