Von der Last und vom Nutzen von Randbemerkungen

Schon Tucholsky wusste, dass Anstreichungen in fremden Büchern verabscheuungswürdig sind. Nur in den eigenen darf man kritzeln, wie man will – und da sind sie sogar durchaus erwünscht.

Egon Friedells »Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients«
»Beides Unsinn!« Randbemerkung eines unbekannten Lesers in Egon Friedells »Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients«.

Von Kurt Tucholsky gibt es einen schönen, kleinen Text, der sich mit Randbemerkungen in Büchern beschäftigt. In der »Kleinen Bitte« von 1931 schreibt er: »Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui! […] – ›Oho!‹ – ›Ganz falsch, siehe Volkmar Seite 564.‹ – ›Blödian!‹ – ›Bravo!‹ – ›<Nein, diese Theorie ist eben nicht von N. abgelehnt worden!‹ – ›Dumme Frechheit!‹ . . . was soll denn das alles –?«

Wie man sieht, echauffiert sich Tucholsky sehr über die anonymen Leser von Büchern aus der Bibliothek, mit deren Kommentaren und Anmerkungen er nichts anfangen kann, mit denen er sich aber dennoch beschäftigen muss. Seine verständliche Forderung und seine Bitte lautet daher: »Ein Bibliotheksbuch aber gehört allen, und alle sollten es sauber und anständig behandeln. Stadtbibliotheken und Fachbibliotheken leiden unter dieser Unsitte – wir alle leiden darunter, die wir uns viele Bücher nicht kaufen können. Es ist wie: Stullenpapier im Grunewald liegen lassen. Kleine Bitte an Bibliotheksbenutzer: Laßt Marginalien von andern Leuten schreiben – tut es nicht! Malt nicht die Bücher voll, es ist nicht schön. Zeichnet eure Bemerkungen auf; schreibt nicht so viel in die Bücher hinein, schreibt lieber mehr aus ihnen heraus!«

Oh, wie recht hat Tucholsky! Anstreichungen in Büchern aus der Bibliothek sind eine Last! Man möchte doch mit dem Autor in ein Gespräch treten, aber ganz gewiss nicht dem Gedankengang eines unbekannten Vorlesers auf die Spur kommen. Man kennt ihn nicht, und man will es auch gar nicht.

Besonders unerfreulich ist es, wenn der Unbekannte seine Anstreichungen auch noch mit Kugelschreiber vorgenommen hat – sie lassen sich nicht einmal mehr ausradieren. Ich besitze übrigens ein Exemplar von Egon Friedells »Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients«, die 1936 zum ersten Mal erschienen ist. Mein Exemplar ist ein Nachdruck von 1974, das ich antiquarisch erworben habe: ein gut erhaltenes Buch aus dem Beck-Verlag, mit Leinenumschlag und fast ungelesen – aber nur fast. Denn die Anstreichungen des Vorbesitzers – mit Kuli, in Schwarz und Blau! – verraten mir, dass er sich durch die 84-seitige Einleitung gequält haben muss und das Buch dann wieder beiseite gelegt hat. So weit reichen nämlich die Unterstreichungen, geschlängelten Linien und die Kommentare am Rand.

Einerseits habe ich mich über diese Anstreichungen geärgert. Allerdings war dieser Ärger schnell verraucht, als ich bemerkte, dass der Leser einen Erkenntnisprozess durchmachte, der ihn schließlich dazu brachte, das Buch wieder loszuwerden. Auf Seite 16 geht es los mit den Unterstreichungen, aber schon auf Seite 18 kommt die erste Schlangenlinie – Ausdruck der Missbilligung, des fundamentalen Zweifels am Inhalt. So geht es weiter: Über viele Seiten ist nichts, dann aber kommen wieder Unterstreichungen und Schlangenlinien. Als auf Seite 60 Friedell über den »Rhodesiamensch« schreibt, dass man »sein Alter auf wenige Jahrtausende« schätze, hält der Leser das für »total falsch« und kommentiert weiterhin: »Unsinn!« Auf Seite 62 bekräftigt er »beides Unsinn!«, korrigiert die Angabe zur Zähmung des Pferdes durch den Menschen (nämlich »erst ab 2000« vor Christus) und so fort. Man erkennt: Es handelt sich um einen Experten für Frühgeschichte, der nicht wusste, dass er von Friedell alles erwarten kann, aber keine wissenschaftliche Ausarbeitung.

Es gibt allerdings auch Randbemerkungen in Büchern, die von wirklich großem Wert sind. Zum Beispiel hat der Mathematiker Pierre de Fermat (1607 bis 1665) seinen berühmten »letzten Satz« auf Seite 61 der »Arithmetika« des Diophantos von Alexandria gekritzelt: »Es ist jedoch nicht möglich, einen Kubus in 2 Kuben, oder ein Biquadrat in 2 Biquadrate und allgemein eine Potenz, höher als die zweite, in 2 Potenzen mit ebendemselben Exponenten zu zerlegen: Ich habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, doch ist dieser Rand hier zu schmal, um ihn zu fassen.« Das Rätsel konnte erst 1994 gelöst werden. Auch Luthers Kommentare auf den Randspalten einer Ausgabe von Wilhelm von Ockhams Schriften ist der Forschung sehr willkommen. Die Staatsbibliothek Berlin hütet sie jedenfalls wie einen Augapfel.

Wer heute Bücher liest, der weiß natürlich sehr genau, worauf es ankommt: In die eigenen Bücher darf man hineinkritzeln, wie man will, in die fremden nicht. Es ist eigentlich ganz einfach: Man unterscheidet zwischen Mein und Dein. Und wenn es um die eigenen Bücher geht, dann sind Anstreichungen und Anmerkungen eigentlich sogar erwünscht. Denn sie zeugen davon, dass der Besitzer mit dem Autor in Kontakt zu kommen versucht hat. Er hat das Gesprächsangebot wahrgenommen, hat nachgedacht und sich seine Meinung gebildet. Und möglicherweise folgt der Leser dann sogar dem Rat Tucholskys: »Beschimpft den Autor nicht am Rande. Schreibt ihm einen Brief. Herrn Geheimbderath Göthe, Weimar. Eine nähere Adresse ist nicht nötig; der Brief kommt schon an. Frick paßt auf.«

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