Holocaust und Zuwanderer – eine verweigerte Debatte

Was denken nach Deutschland zugewanderte Autoren über den von Deutschen verübten Holocaust? Die Deutsch-Iranerin Naika Foroutan verweigert die Auskunft – und gibt doch eine.

Naika Foroutan
Naika Foroutan, 2015. Foto: Stiftung Mercator / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und dieser Umstand spiegelt sich auch in den Debatten über die Gedenkkultur wieder: Immer öfter wird die Frage erörtert, in welcher Weise sich die Aneignung der deutschen Geschichte wandelt. Was hat – beispielsweise – ein Vietnamese, der heute eingebürgert wird, mit »Auschwitz« zu tun? Diese Frage treibt auch die Wochenzeitung Der Freitag um, deren Herausgeber Jakob Augstein die Autorin Naika Foroutan um einen Debattenbeitrag zur Frage »Wie geht man als migrantischer Autor, als migrantische Autorin mit der deutschen Schuld um?« bat. Doch anstatt den gewünschten Beitrag zu liefern, erteilte Foroutan Augstein eine Absage. Der Briefwechsel mit dem Herausgeber ist allerdings lesenwert.

Foroutan ist von Augsteins Anfrage erkennbar verstimmt, denn sie unterstellt ihm – was nicht nachvollziehbar ist –, dass es ihm nicht um das Verhältnis von Migranten, sondern von Muslimen zum Holocaust geht. Foroutan ist beides: Sie ist stammt aus einem deutsch-iranischen Elternhaus, ist in Teheran aufgewachsen und lehrt jetzt an der Humboldt-Universität zu Berlin. »Ich finde Ihre Fragen an mich irritierend: weniger, weil Sie so selbstverständlich davon ausgehen, dass ich als Muslimin, oder als Migrantin, oder als was auch immer Sie mich anfragen, keine Deutsche und somit auch nicht verwoben mit dieser Geschichte sein kann. Vielmehr, weil Ihre Täter-Opfer-Außenseiter-Kategorisierung so wenig die Komplexität des Holocaust und seiner Geschichten reflektiert.«

Aber eigentlich beantwortet Foroutan Augsteins Frage: Der Holocaust hat für sie als singuläres Ereignis keine Bedeutung, weil nicht nach den »Folgen für kollateral Betroffene« gefragt werde, nach den »Folgen der deutschen Geschichte für den Rest der Welt.« Sie erwähnt ausdrücklich das Leid der Palästinenser in den Lagern Sabra und Schatila, in denen es 1982 unter den Augen der israelischen Besatzungsmacht zu Massakern durch christliche Milizen kam. Es sei »nicht mehr zeitgemäß«, diese oder andere Vorkommnisse zu ignorieren. »Sie können die Geschichte von Schmerz, Trauer und Verlust nicht nur aus der Schuld-Perspektive des Rasers beschreiben, der das Mädchen totgefahren hat und nicht nur aus dem Schmerz der Mutter, die das Kind verloren hat. Auch die Brüder des Kindes sind zeitlebens damit konfrontiert. Deren Geschichte muss auch jemand erzählen. Besonders wenn sie jetzt neben dem Raser leben.«

Besonders aggressiv reagiert Foroutan auf Augsteins – zutreffende – Annahme, dass ein Deutscher über »Auschwitz« anders redet als ein Nicht-Deutscher. Es geht ihm um die anderen, nicht-deutschen Perspektiven, die immer stärkeres Gewicht in der – noch – deutschen Debatte erhalten werden. Doch Foroutan empfindet Augsteins Frage als Unterstellung und wehrt sich daher vehement gegen die – von Augstein niemals formulierte – Vermutung, sie könne mit den Opfern des Holocaust nicht ebenso empathisch verbunden sein wie die Nachkommen der Täter, also der Deutschen. Also schmettert sie ihm entgegen: »Es gibt nicht wenige Deutsche, denen der Holocaust nicht nur lästig, sondern vollkommen egal ist. Es ist Euphemismus, zu glauben, es reiche, Deutscher zu sein, um hier tiefer, mehr oder auch nur anders zu empfinden.«

Wie Foroutan Augsteins Anfrage beantwortet, ist befremdlich, weil die ja überhaupt nichts dergleichen enthält, was sie aus ihr herausliest. Sie fühlt sich zum Beispiel als Muslima angesprochen, obwohl Augstein nichts dergleichen schreibt und ihren biografischen Hintergrund auch gar nicht genau kannte, wie er angibt. Auch liest sie aus Augsteins Frage einen Angriff auf die Zuwanderer heraus, die angeblich schuld haben, wenn die Bedeutung des Holocausts für die Gedenkkultur in Deutschland zurückgeht. Doch davon steht da nichts, und Der Freitag ist als linke Zeitung eigentlich auch »unverdächtig«, das zu behaupten oder zu unterstellen. Die beiden Briefe Foroutans mit ihren Unterstellungen und Projektionen sind Ausdruck der Verweigerung einer Debatte, aber sie sind nicht unnütz zu lesen. Welches Problem sie anzeigen, müsste allerdings noch herausgearbeitet werden. Möglicherweise ist es eins, das über Foroutans persönliche Erfahrungen hinausweist.

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