Polen und Ukraine: Die Gespenster der Geschichte sind noch da

Das Verhältnis zwischen Polen und Ukraine verschlechtert sich. Mitverantwortlich ist der geschichtsbewusste polnische PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski. Die Wurzeln des Konflikts reichen bis vor den Zweiten Weltkrieg zurück.

Curzon-Linie
Antikommunistisches Plakat von 1944/45, auf dem die Curzon-Linie von 1919, mit der die Ostgrenze des nach dem Ersten Weltkrieg wiedergegründeten Polens festgelegt und entlang der Polen 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion wieder aufgeteilt wurde, abgelehnt wird. Foto: Wikimedia Commons / Public Domain

Im aktuellen polnisch-ukrainischen Verhältnis spielt seit dem Regierungsantritt der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen 2015 Geschichte eine immer größere Rolle – und zwar keine gute. Darauf hat der ukrainischer Historiker Jaroslaw Hryzak hingewiesen, der an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg lehrt. »Seither hat sich in der polnischen Gesellschaft eine gewisse Xenophobie breitgemacht, die von der Regierung aufgegriffen und verstärkt wird«, sagt er in einem Interview.

Als in der ukrainischen Hauptstadt Kiew 2013/14 Bürger auf die Straße gingen und mit ihren Protesten die Regierung von Viktor Janukowitsch zum Rücktritt bewegten, konnten sie sich der Unterstützung des PiS-Chefs Jaroslaw Kaczynski gewiss sein. Das polnisch-ukrainische Verhältnis galt in dieser Zeit als gut. Doch nach den Maidan-Protesten verschlechterte es sich, und Hryzak macht dafür Kaczynski mit seinem Geschichtsbewusstsein und seiner Enttäuschung über die Folgen der Maidan-Proteste verantwortlich.

Wie Hryzak erklärt, glaubt Kaczynski, dass sein Bruder Lech, der Präsident Polens war und 2010 bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe des russischen Smolensk ums Leben kam, auf Geheiß des russischen Präsidenten Putin ermordet worden ist. Den, glaubt zumindest Kaczynski, hatte gestört, dass die Sympathien von Bruder Lech den Demonstranten in Kiew und den Georgiern gegolten hatte, die 2008 in einen Krieg mit Russland verwickelt waren.

Diese Solidarität und Unterstützung, erklärt Hryzak weiter, hätten die Ukrainer in Kaczynskis Augen allerdings nicht vergolten, sondern sie würden nun verstärkt eine Person wieder zu Ehren kommen lassen, die – gelinde gesagt – eine ambivalente Rolle im ukrainischen-polnischen Verhältnis spielte: Stepan Bandera, den ukrainischen Nationalisten, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaboriert hatte. Doch diese Sicht hält Hryzak für falsch: »Bandera ist die Figur, die die Ukraine am meisten spaltet. Er ist kein ›nationaler Held‹ oder Ähnliches, er ist höchstens ein regionaler Held.«

Wenn die polnische Öffentlichkeit jetzt verstärkt über den Zweiten Weltkrieg spricht und die Verbrechen von Ukrainern an Polen zum Thema macht, ist das nach Hryzak unter anderem dieser Sicht Kaczynskis geschuldet. Doch das Reden über das Unrecht von damals habe fatale Folgen: »Das ist zwar historisch wahr, aber die Art, in der die PiS dieses sensible Thema aufgreift, schafft eine Atmosphäre des Verdachts, die man eigentlich für überwunden glaubte.« Ausdruck dieses Problems sei der kürzlich in die Kinos gekommene polnische Film »Wolhynien«, der zwar nicht antiukrainisch sei, aber zumindest unsensibel mit dem Thema umgehe und dadurch bewirkt habe, »dass auf beiden Seiten verschüttet geglaubte antiukrainische und antipolnische Gefühle wieder hochkochten.«

Seitdem Polen und die Ukraine unabhängig von der Sowjetunion geworden sind, hat es an Bemühungen nicht gemangelt, das Verhältnis zum jeweiligen Nachbarn zu verbessern. Allerdings scheint es so, als sei das schwieriger als gedacht. Noch 2007 glaubte ein Beobachter feststellen zu können: »Die Gespenster der Geschichte scheinen allmählich in die Vergangenheit zu entweichen. An ihre Stelle tritt die bilaterale Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens.« Die Diagnose Hryzaks aus dem Jahr 2017 zeigt, dass diese Hoffnung verfrüht war. Die Geister der Vergangenheit sind sehr lebendig.

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