Vom Nutzen des Selbstgesprächs

Viele Menschen führen Selbstgespräche – was ihnen peinlich ist. Das muss nicht sein, denn komplexe Herausforderungen in Worte zu fassen, hilft dabei, sie zu bewältigen.

Nachdenkliche Studentin
Foto: CAMPUS OF EXCELLENCE / flickr.com / CC BY-ND 2.0

Vermutlich hat sich jeder schon einmal beim Gespräch mit sich selbst ertappt. Man muntert sich auf, feuert sich an oder bekräftigt einen Entschluss – und ist davon peinlich berührt, wenn das in der Öffentlichkeit und nicht zuhause vor dem Wohnzimmerspiegel oder am Kühlschrank passiert ist. Hoffentlich hat mich niemand gehört, denkt man. Doch es gibt eine gute Nachricht: Selbstgespräche sind weder schlecht noch schädlich, sondern umgekehrt eher positiv.

Schon kleine Kinder fangen früh an, mit sich selbst zu kommunizieren; sie plappern oder singen vor sich hin. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ihnen das hilft, akute Probleme zu bewältigen. Das gilt in gleicher Weise, wenn auch mit komplexeren Ausdrucksformen, auch bei Erwachsenen. Der Psychologe Sven Tönnies sagt: »Wenn wir lesen, wenn wir schreiben, wenn wir den Tag planen oder versuchen, Aufgaben zu lösen: Immer dann reden wir mit uns. Es ist ein Ausdruck unseres menschlichen Intellekts.«

Mit sich selbst zu reden, hat in der Entwicklung des Gehirns eine positive Funktion, wie Studien ergeben haben. Es hilft, das Erlebte besser zu strukturieren und zu verarbeiten. Während kleine Kinder aber noch regelmäßig laute Selbstgespräche führen, gewöhnen sich die großen an, sie für sich zu behalten. Auch Erwachsene führen Selbstgespräche, bloß behalten sie sie in der Regel für sich oder haben andere Formen wie Notizen machen entwickelt.

Allerdings ist wohl jeder auch schon Menschen begegnet, die in der Öffentlichkeit laut daherreden. Dabei handelt es sich jedoch nicht um das normale, unbedenkliche Selbstgespräch, sondern um eine Art der Kommunikation, die auf eine psychische Erkrankung hindeutet. Diese Leute »hören meistens Stimmen oder sprechen beispielsweise mit einem Verstorbenen. Sie selbst nehmen es also nicht als Selbstgespräch war, obwohl es von außen so wirkt«, erklärt der Psychiater Peter Falkai. So lange jemand merkt, dass er mit sich selbst spricht, ist alles in Ordnung.

Vor allem im Leistungssport ist man dazu übergegangen, die Selbstmotivation durch Selbstgespräche zu steigern. Erfolgreiche Sportler nutzen die Wirkungen der von einem selbst ausgesprochenen Aufmunterung oder einer Aweisung, um die antrainierten Bewegungsabläufe zu verbessern. In verschiedenen Sportarten ist es in Experimenten gelungen, konkrete Ergebnissteigerungen zu erzielen: Fußballer, die in geeigneten Spielsituationen zu sich »Ball, Tor« sagten, schossen mehr Tore als Spieler, die sich nicht auf diese Weise anspornten.

Ganz offensichtlich helfen solche Kommandos, sich besser zu konzentrieren, weshalb es auch und vor allem älteren Menschen empfohlen wird, die nächsten geplanten Schritte zu benennen. So wie ein Eiskunstläufer die einzelnen Bewegungsabläufe der nächsten Figur in konkrete Worte fasst, es also nicht bei einem unscharfen Appell wie »Rittberger!« belässt, so kann auch ein vergesslicher Mensch die nächste Handlung wie den Gang ins Badezimmer vorbereiten, indem er sich sagt »Kamm holen, Haare kämmen«.

Selbstgespräche zu führen, ist also normal; sie haben eine wichtige, entlastende Funktion. Darüber hinaus können Selbstgespräche gezielt eingesetzt werden, um Stress abzubauen, Hoffnung zu schöpfen und konkrete Ziele zu erreichen. Erwachsene haben andere, verfeinerte Methoden des Selbstgesprächs als Kinder, aber Experten empfehlen nach wie vor, den Dialog in Worte zu fassen. Man muss das ja nicht in der U-Bahn tun. Wobei es durchaus sinnvoll sein kann, die Anweiseungen, des Fahrkartenautomaten sprechend nachzuvollziehen.

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