Diskussion über die »Nazi-Glocke« von Herxheim

Eine Glocke im Turm der Jakobskirche in Herxheim am Berg trägt die Aufschrift »Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler«. Die Gemeinde diskutiert jetzt die Frage, ob man sie weiternutzen oder musealisieren soll.

Sankt Jakob Kirche Herxheim am Berg
Der Turm der Jakobskirche in Herxheim am Berg. Foto: Immanuel Giel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Im pfälzischen Herxheim am Berg sorgt eine Glocke in der evangelischen Kirche Sankt Jakob für Streit in der Einwohnerschaft und für Aufmerksamkeit, die bis in die USA reicht, wo die New York Times und die Washington Post berichtet haben. Diese Glocke wurde 1934 aufgehängt und läutet seitdem zum Gottesdienst oder zu Hochzeiten. Ihre Besonderheit sind ein Hakenkreuz und die Aufschrift »Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler«, was eine Organistin der Kirche erst im Frühjahr erfahren hat und nun beseitigt wissen will: »Heute darf Adolf Hitler nicht mehr im Gottesdienst, in einem Gottesdienst darf Adolf Hitlers Stimme doch nichts mehr zu sagen haben.«

Die »Nazi-Glocke« läutet zusammen mit zwei anderen Glocken in einem Moll-Dreiklang. Sie wurde im Krieg als »Alarmglocke« eingesetzt; die beiden anderen, größeren Glocken wurden im Krieg eingeschmolzen und danach durch neue ersetzt. Dass die kleine den nationalsozialistischen Spruch trägt, hat bislang niemanden gestört oder ist irgendwie in Vergessenheit geraten. Auch das ins Gesims am Glockenturm eingemeißelte Hakenkreuz, das ebenfalls aus dem Jahr 1934 stammt, wurde erst kürzlich zufällig wiederentdeckt.

»Ich bin weit davon entfernt, dass man sagt, diese Objekte aus der Nazi-Zeit müssen verschwinden«, erläutert die 73-jährige Organistin, eine pensionierte Lehrerin, ihre Position. »Im Gegenteil: Ich bin der Meinung, das sind Dokumente, ganz wichtige Dokumente aus dieser Zeit. Aber sie dürfen doch nicht einfach unkommentiert weiter benutzt werden so wie zur Zeit Adolf Hitlers.« Der ehrenamtliche Ortsbürgermeister Ronald Becker denkt hingegen an die Kosten und betont das gute Zusammenspiel der Glocken. Auch die Inschrift stört ihn wenig: »So ein bisschen Selbstbewusstsein für unser Land sollte man schon haben«, sagt er.

Unbestritten ist, dass die Glocke eine kunsthistorische Rarität ist, denn von dieser Art sind nur drei bekannt. Doch damit ist noch keine Antwort auf die Frage gegeben, wie man mit diesem Relikt aus der Nazizeit umgehen soll. Ist die Inschrift und der Kontext, in dem die Glocke aufgehängt wurde, wichtiger als die aktuelle Funktion und der Wohlklang des Glockenensembles, der vom Ortsbürgermeister gerühmt wird? Die Diskussion erreichte eine neue Dimension, als Anfang September die NPD eine Demonstration mit 16 Teilnehmern in Herxheim abhielt, um für den Erhalt der Glocke zu demonstrieren. An der Gegendemonstration nahmen 200 Menschen teil. Einer der Organisatoren sagte: »Es ist ganz klar, diese Glocke verherrlicht die Nazi-Diktatur.«

Für die Kirchengemeinde ist die Lage schwierig, denn einerseits läutet die Glocke in ihrer Kirche, doch Eigentümer ist die Gemeinde Herxheim. So lässt sie gegenwärtig ein Gutachten erstellen, das Ratschläge zum weiteren Umgang mit der Glocke geben soll. Die Alternativen sind: weiternutzen und kontextualisieren oder musealisieren. Die bisher abgegebenen Stellungnahmen von Experten deuten indes darauf hin, dass der Rat zur Weiternutzung erfolgen wird. Das Dilemma bleibt natürlich in jedem Fall erhalten, denn einerseits haben die Glocken eine liturgische Funktion, doch andererseits lässt sich der Gebrauch jetzt, da der Kontext der Herstellung und Inbetriebnahme bekannt ist, niemals von der damaligen Bedeutung trennen.

Eine Entscheidung will der Herxheimer Gemeinderat noch im September treffen. Das Ende der Diskussion wird damit vermutlich aber nicht erreicht sein. Denn es gibt nicht nur noch weitere Glocken ähnlicher Art in an deren Kirchen, sondern auch Artefakte wie die »Judensau« an der Wittenberger Stadtkirche aus der Zeit vor 1933, die kaum minder anstößig sind. Sicher ist nur, dass Teilnahmslosigkeit oder Geschichtsvergessenheit, wie sie der inzwischen zurückgetretende Herxheimer Ortsbürgermeister an den Tag legte, denkbar schlechte Voraussetzungen für jedwede Beschäftigung mit der Vergangenheit sind.

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