Die Erzählung von »Achtundsechzig« geht zu Ende

Kurz vor dem 50. Jubiläum von »Achtundsechzig« deutet sich das Ende der medialen Dominanz der »Achtundsechziger« an. Sie wird als Erzählung enttarnt und von einer neuen Generation scharf angegriffen.

Plasterstein "Enteignet Springer"
Foto: Andreas Praefcke / Wikimedia Commons / Gemeinfrei

Nächstes Jahr – also 2018 – ist es wieder soweit: Da gibt es die Gelegenheit, das nächste runde Jubiläum von »Achtundsechzig«, nämlich das fünfzigste, zu feiern und nach der Bedeutung ihrer Protagonisten, den »Achtundsechzigern«, für die alte Bundesrepublik und das heutige Deutschland zu fragen. Doch schon jetzt bereiteten sich die Veteranen im Verbund mit Publizisten und Verlagen auf das Großereignis vor, wie es scheint. Der Name fällt wieder öfter – oder haben die »Achtundsechsziger« ungebrochene Hochkonjunktur? Ist das Thema nicht eigentlich immer aktuell?

Jedenfalls scheint es das, und wenn man den Zeitzeugen folgt, dann rückt Achtzundsechzig durch aktuelle politische Ereignisse wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Interview mit hessenschau.de sagt Bernd Messinger: »Eine Generation besetzte über Jahrzehnte die Themen der Aufklärung und Weltoffenheit. Und jetzt gibt es plötzlich einen Bruch.« Und die Interviewerin ergänzt: »Stichwort Pegida, Brexit und Trump.« So ist es, bekräftigt der Befragte, der sich und seine damaligen Methoden nicht von Nachahmern aus dem gegenüberliegenden politischen Spektrum delegitimieren lassen will: »Da denke ich: Mein Gott, das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Und noch leben Zeitzeugen, die vermitteln können, was die ertrotzten Werte tatsächlich wert sind.«

Gemeinsam mit Claus-Jürgen Göpfert hat Messinger ein Buch über die Studentenrevolte in Frankfurt am Main und die ganze Zeit geschrieben, die man unter dem Begriff Achtundsechzig fasst. Die beiden waren seinerzeit Gymnasiasten und verbinden heute mit Achtundsechzig ein Erlebnis erst des geistigen – nämlich mit Lehrern, die ihnen befreiende Lehrnerfahrungen verschafften – und dann des politischen Aufbruchs, also Studentenprotesten und anderen Formen der Auseinandersetzung. Göpfert erklärt: Die »Fragen von Krieg und Frieden, das hat unsere Generation bewegt.«

Messinger und Göpfert sind sich sicher, dass – so sehen sie es zumindest – trotz der gegenwärtig zu beobachtenden Anfechtung des Erbes der Achtundsechziger deren Errungenschaften nicht mehr rückgängig gemacht werden können. »Denken, das bornierte nationalstaatliche Sichtweisen überwunden hat«, Frauen- und – »trotz allem, was aus dem Osten […] auf uns zukommt« – Homosexuellenrechte, die Kriegsunlust der Deutschen. Demokratisierung, Mitbestimmung und »der kulturelle Impuls, der von den 68ern in Richtung Musik, Theater oder Verlage ausgegangen ist« – das alles wird erhalten bleiben, sind sie überzeugt.

Wenn die Veteranen von Achtundsechzig Bücher über die gute, alte Zeit schreiben und sich interviewen lassen, dann löst das bei nachfolgenden Generationen, über die sie gar nichts Schlechtes sagen wollen, keine ungeteilte Begeisterung aus. Leo Fischer etwa erteilt ihnen ein denkbar schlechtes Zeugnis: »Sie haben die von unserem System erlaubten Freiräume weidlich genutzt, ohne sich je mit ihm zu identifizieren«, schimpft er. »Stattdessen pflegten sie Aufsässigkeit und Individualismus. Sie haben die Sozialsysteme geschröpft und den so errungenen Wohlstand ausschließlich unter ihresgleichen verteilt. […] Die einzige Sorge, die diese Generation kennt, ist, nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, wie sie es von Jugend an kennen.«

Kurz vor der Bundestagswahl, bei der nach allen Prognosen die AfD ins Parlament einziehen wird, bringt Fischer die Achtundsechziger, vor allem aber ihre direkten Nachfahren, die sich auf die Ideale von Achtundsechzig berufen, die »Babyboomer«, mit der AfD-Wählerschaft in Verbindung. Die würde nämlich demselben Sozialprofil entsprechend: Sie seien 50 Jahre und älter, wohlhabend, selbstbezogen und egoistisch. Er unterstellt ihnen vor allem, den so genannten Generationenvertrag gekündigt zu haben: »Die Generation, die noch Betriebsrenten und bezahlten Urlaub kannte, schickt ihre Kinder in unbezahlte Praktika und befristete Mikrojobs.«

Selbstverständlich ist Fischers Urteil überzogen, einseitig, ungerecht. Aber es ist gut, dass er Wasser in den Wein der Erinnerungen der damals politische Aktiven gießt. Denn recht hat er mit der Behauptung, die Achtundsechziger und noch mehr die Babyboomer hätten in den Medien eine große Präsenz inne, die es ihnen ermöglicht habe, ihre Interessen zu artikulieren und durch politische Entscheidungen absichern zu lassen. Überhaupt haben die Achtundsechziger es verstanden, ihr Generationserlebnis gleichsam zu einer Marke zu machen, die mehr zu sein vorgibt, als in Wirklichkeit vorhanden ist. In einem Buch hat etwa Martin Stallmann gerade darauf hingewiesen, dass die Achtundsechziger »nicht vorwiegend durch gemeinsame Erlebnisse in der Zeit selbst, sondern durch die Erzählung über die Protestjahre geprägt worden« sind. Die Babyboomer haben diese Erzählung aufgebracht und bis heute weitergeführt.

Möglicherweise kommt diese Erzählung nun an ihr Ende. Dass es daran liegt, dass sich die Beteiligten aus der Öffentlichkeit zurückziehen oder ganz einfach sterben, erscheint plausibel. In die nun entstandene Lücke stoßen neue Erzählungen hinein. Ob die gegenwärtige Erfolge der AfD als Symptom für die zu Ende gehende Erzählung der Babyboomer zu deuten ist, erscheint jedoch angesichts der weiten Verbreitung der AfD in den »neuen Bundesländern« und der der Achtundsechziger in der »alten Bundesrepublik« zweifelhaft. Man wird das erst in ein paar Jahren beurteilen können.

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