Wie viele Gedenkzeichen werden wir noch brauchen?

Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz war man verunsichert: Wie umgehen mit diesem Verbrechen? Der neue Gedenkort löst das zentrale Problem nicht.

Poller in der Berliner Wilhelmstraße
Foto: Wikimedia Commons / gemeinfrei

Die Entscheidung für das Gedenkzeichen für die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche setzt ein Jahr nach dem schrecklichen Ereignis zwar einen Schlusspunkt. Aber ans Ende gekommen ist die Diskussion über das angemessene Gedenken an die Opfer islamistischen Terrors noch lange nicht. Denn die grundsätzliche Frage, wie die angemessene Form des Gedenkens aussehen soll, ist damit noch lange nicht beantwortet.

Der Anschlag brachte den Terrorismus mitten nach Deutschland, ins Zentrum der Hauptstadt, und machte dadurch klar: Es hätte jeden treffen können. Der Anschlag fand nicht mehr nur in einer fernen Weltgegend statt, von dem man in den Fernsehnachrichten erfuhr, sondern an einem Platz, den nicht nur viele Berliner schon oft überquert und dort vielleicht sogar mal einen Glühwein getrunken hatten, sondern auch Besucher aus dem Rest Deutschlands und der ganzen Welt. Vielleicht erklärt sich damit – mit der Neuartigkeit der Situation und der plötzlichen Nähe – die Unbeholfenheit des politischen Betriebes, mit dem Verbrechen umzugehen.

Am Tag nach dem Anschlag gab es in der Gedächtniskirche eine Trauerfeier mit den wichtigsten Repräsentanten des Staates, im Bundestag folgte im Januar eine Schweigeminute. Aber zufriedenstellen konnten beide Veranstaltungen nicht. Die Trauerfeier war gelungen, meinte ein Beobachter. »Aber sie verschwand zwischen den immer neuen Bildern vom Tatort, vom Täter, von den Ermittlungen. Als offizieller Rahmen kam dieser Gedenkgottesdienst zu früh. Doch die Schweigeminute des Bundestags am Donnerstag kam spät. Deutschland muss nachdenken über seinen Umgang mit dem Leid, das der Terror bringt, und muss Formen und Zeichen der Verbundenheit pflegen.«

Auch das Denkmal, das jetzt zum Jahrestag des Verbrechens errichtet wird, ist ambivalent. Einerseits ist es überzeugend, weil es unauffällig ist – man kann daran vorbeilaufen, ohne es zu bemerken – und darum umso aufdringlicher. (Über die Aussage könnte man allerdings streiten: Geht durch die Gesellschaft wirklich ein »Riss«?) Andererseits wirft es die grundsätzliche Frage auf, ob ein Mahnmal geeignet ist, dem Bedürfnis der getroffenen Gesellschaft nach Selbstvergewisserung angesichts des islamisch motivierten Terrorismus Rechnung zu tragen. »Und wenn wir […] mit dem Terror leben müssen«, fragt Marcus Woeller, und »uns am Ende daran noch gewöhnen sollen – wie viele Mahnmale werden wir dann noch aufstellen müssen?«

Die Frage ist richtig, doch Woellers Schlussfolgerung ist falsch. Er schlägt implizit vor, die Zahl der Gedenkorte zu beschränken, damit sie nicht entwertet werden. »Das Schlimmste, was Mahnmalen widerfahren kann, ist, nicht beachtet zu werden«, sagt er. Doch das ist nicht das wichtigste Problem. Entscheidender ist doch die Frage – und Woeller weist sogar selber darauf hin –, wie man auf die noch zu erwartenden Anschläge reagieren wird. Doch hier gibt es keine überzeugende Antwort – nur Woeller weist, vielleicht unbewusst, in die richtige Richtung. Er hat die eindrücklichste, weil unauffälligste Erinnerung an die Bedrohung beim Namen genannt: »Das Terrormahnmal schlechthin ist mittlerweile der Betonpoller.«

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