Emilia Smechowski schreibt über ihre polnisch-deutsche Identität

Als Kind von Aussiedlern, die ihre polnische Vergangenheit vergessen machen wollten, kam Emilia Smechowski 1986 nach West-Berlin. Sie fühlte sich wie eine Schauspielerin, die vorgab, Deutsche zu sein.

Emilia Smechowski
Foto: Amrei-Marie / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0 (Ausschnitt)

Wenn heutezutage von »Integration«, »multikultureller Gesellschaft« oder ähnlichem gesprochen wird, ist eigentlich immer von Problemen die Rede, die durch die Zuwanderung aus bestimmten Ländern entsteht. Doch von den vielen Einwohnern mit Migrationshintergrund, die völlig unauffällig in Deutschland leben, spricht man so gut wie nie. Zum Beispiel von den Polen. Sie leben in nicht unerheblicher Zahl in Deutschland und sind zum Teil schon vor Generationen eingewandert, zum Teil erst in den zurückliegenden Jahren oder Jahrzehnten gekommen – und sie fallen nicht weiter auf. Eine von ihnen ist Emilia Smechowski, die im Sommer ein Buch über ihre polnische Herkunft und ihr Leben in Deutschland geschrieben hat.

In »Wir Strebermigranten« schildert Smechowski, wie ihre Eltern mit den beiden kleinen Kindern 1986 von ihrer Heimatstadt Wejherowo in Polen nach West-Berlin emigrierten. Sie hatten einen »polnischen Abgang« gemacht, das heißt sie hatten vorgegeben, in den Urlaub zu fahren, und verschwiegen, dass sie nicht wiederkommen wollten. Der Anfang im Westen war nicht leicht, obwohl sie als »Aussiedler« Anspruch auf Sprachkurse und bundesdeutsche Pässe hatten. Für Tochter Emilia, die da gerade einmal fünf Jahre alt war, war der Neubeginn naturgemäß leichter als für ihre Eltern.

Schwerer lastete der Erwartungsdruck der Eltern auf den Kindern, denn die sollten es vermeiden, in der Öffentlichkeit Polnisch zu sprechen und so als Nicht-Deutsche erkannt zu werden. Und für Gäste wurde nicht polnisch gekocht, sondern italienisch. Hinzu kam der Druck, möglichst gute Noten aus der Schule mitzubringen und ganz allgemein, bloß nicht aufzufallen. Das führte dazu, wie sie im Interview mit Deutschlandfunk Kultur erzählt, »dass unsere erste Zeit in Deutschland sehr stumm verlief, weil wir natürlich die Sprache Deutsch noch nicht konnten und Polnisch nicht sprechen sollten. Es war eine sehr stille Zeit.«

Was die Eltern anstrebten, war eine Assimilation, und zwar aus freien Stücken, der Versuch, das alte Leben hinter sich zu lassen und in der neuen Gesellschaft aufzugehen. Dass das nicht frei von innerer Anspannung verlaufen konnte, versteht sich. Doch Smechowskis Eltern waren nicht die einzigen Polen, die nicht versuchten, in der Fremde, die zur Heimat werden sollte, eine Gruppenidentität aufzubauen. Mit großem Interesse blickte Smechowski daher auf andere Einwanderergruppen wie die türkische oder die kroatische. »Ich war nicht neidisch, aber es hat mir sehr imponiert und ich hab mich dadurch natürlich noch mehr gefragt, warum ich eigentlich so tue, als sei ich biodeutsch.«

Warum ihre Eltern ihre polnische Vergangenheit so schnell vergessen machen wollten, wissen sie heute selbst nicht mehr so genau. Die Tochter jedenfalls fand sich »in einer kleinen Identitätskrise« wieder, als ihr bewusst wurde, dass, wie sie sagt, »ich eigentlich so ein bisschen tue als ob, also so ein bisschen schauspielere und mich tatsächlich als Deutsche irgendwie sehe und auch so aufführe, es aber de facto gar nicht bin.« Politische Forderungen daraus abzuleiten, fällt ihr indes schwer. Lediglich ein wenig mehr Zurückhaltung in der öffentlichen Debatte hält sie für angemessen. »Ich glaube, was bei diesem Integrationsthema sehr schwierig ist, ist diese Losung, die von oben gegeben wird. Ich glaube, dass das nicht funktioniert.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.