Die Berichterstattung über die frühe Angela Merkel

Ein Journalist hat sich ins Archiv begeben und die Berichte der neunziger Jahre über Angela Merkel wiedergelesen. Sie geriet erst 1998 in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit.

Angela Merkel, Lothar de Maizière
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0803-017 / Settnik, Bernd / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE (Ausschnitt)

Das Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland bringt es mit sich, dass der Inhaber in den Medien fast schon allgegenwärtig ist. Der aktuelle Inhaber heißt Angela Merkel, und deshalb ist sie täglich im Bild zu sehen und ihre Stimme zu hören. Und wenn sie nicht selber spricht, dann lässt sie ihren Sprecher Steffen Seibert mitteilen, was sie gerade denkt.

Angela Merkel ist also irgendwie immer präsent. Man kennt ihre Mimik und ihre Gestik, man sieht, wie sie sich bewegt und wie sie spricht. Inzwischen ist sie den meisten fast schon eine Vertraute geworden, die einen immer begleitet. Trotzdem ist sie, die öffentliche Person, natürlich eine Fremde. Und wenn man ein wenig nachdenkt, muss man zugeben: Eigentlich weiß man nichts über sie.

Wie es dazu kam, dass Merkel in das Leben der deutschen Wähler eingetreten ist, hat Kritsanarat Khunkham (geboren 1982) von der Tageszeitung Die Welt herauszufinden versucht. Er hat sich in das Archiv des Axel-Springer-Verlages begeben, in dem nicht nur Artikel der eigenen Zeitungen wie der Welt gesammelt werden, um die frühesten Berichte über die aktuelle Bundeskanzlerin zu finden. Herausgekommen ist eine interessante Zeitreise in die neunziger Jahre.

Merkel taucht zum ersten Mal im Vorfeld der ersten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer am 18. März 1990 in Berichten von Bild und Spiegel auf; die Welt erwähnt sie erst im Herbst desselben Jahres, als sie stellvertretende Regierungssprecherin war. Im Jahresrückblick 1990 schrieb Bild: »Dr. Angela Merkel (36) Physikerin mit Blitzkarriere: War Regierungssprecherin bei de Maiziere, wird Ministerin in Kohls Kabinett – eine der ganz wenigen Aufsteigerinnen aus den neuen Bundesländern.«

Wenn man dem Springer-Archiv vertrauen kann, dann interessierte sich vor allem Bild für die Jungpolitikerin aus dem Osten, die Welt schrieb erst wieder 1992 über sie, als sie schon Vize-Parteivorsitzende der CDU war. Danach wurde sie zwar immer wieder erwähnt, aber erst 1998 widmete man ihr ein größeres Stück: »Sachlich, fachlich, gut«, würdigt man sie darin. »Angela Merkel ist seit fast vier Jahren Bundesumweltministerin. Sie hat sich in Bonn und in der Wirtschaft Respekt verschafft

Sozusagen im Windschatten anderer Politiker machte Merkel Karriere. Gefördert von Bundeskanzler Helmut Kohl wurde sie Frauen- und Jugendministerin, dann Umweltministerin und 1998 schließlich Generalsekretärin ihrer Partei. Ab da war ihr die Aufmerksamkeit der Welt-Journalisten sicher, die ihr plötzlich viel Platz im Blatt einräumten. Im selben Jahr und im selben Blatt zählte man sie außerdem rückblickend zu den »Frauen des Jahres«.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist Angela Merkel den Deutschen ein ständiger Begleiter geworden, eine Vertraute, die man kennt und nach ihrer Herkunft nicht zu fragen braucht. Es ist zwar in Vergessenheit geraten, wie man am Rückblick auf die Berichterstattung über Merkels frühe Jahre in der bundesdeutschen Politik sehen kann, wo sie her kam, und vielleicht ist auch immer noch unklar, wer sie wirklich ist. Aber das ist gar nicht so wichtig. Plötzlich war sie da, und irgendwann wird sie wieder weg sein.

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