Das echte Buch – Gegenmodell zur Digitalisierung

Alle reden über Digitalisierung. Doch Digitales ist flüchtig. Deshalb wird das echte Buch – gedruckt und gebunden – immer wertvoller. Es hält Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen.

Buch
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Wer aufmerksam den Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung liest, hat es sicherlich schon festgestellt: Einer der »Mega-Trends« dieser Tage ist die Digitalisierung. Das Internet ist seinen Kinderschuhen längst entwachsen, es prägt zunehmend den Alltag – und zwar nicht nur die Produktionspozesse in den Unternehmen, sondern auch das tägliche Leben ganz normaler Bürger und Verbraucher. Wer etwa eine Eisenbahnfahrkarte erwirbt, muss am Schalter mehr bezahlen als beim Kauf über das Internet. Oft genug nimmt man die angenehmen Seiten der Digitalisierung des Alltags aber gerne hin: freut sich über kristallklaren Radioempfang, ortsunabhängige Informationsmöglichkeiten durch das Smartphone oder den bislang nicht geahnten Komfort in einem »Smart Home«.

Vor diesem Hintergrund muss die Empfehlung, seine Erinnerungen als Buch – also als »echtes« Buch, gedruckt auf Paper – zu publizieren, anachronistisch erscheinen. Passen Bücher überhaupt noch in die Zeit? Immerhin verbraucht ihre Produktion Rohstoffe, sie nehmen Platz weg und stehen die meiste Zeit nur ungenutzt herum und stauben ein. Das mag alles richtig sein, doch gerade in Zeiten der Digitalisierung erweist sich der besondere Wert des echten Buches. Echte Bücher sind nämlich haltbar, sinnlich und praktisch.

Man sollte sich über die Haltbarkeit digitaler Informationen keine Illusionen machen. Es heißt zwar immer, dass »das Netz« »nichts vergisst«. Aber das ist falsch. Das Internet ist zwar stabil, aber die dort gelagerten Informationen sind es nicht. Auch was auf einem Datenträger – Diskette, CD-ROM, DVD und so fort – gespeichert wird, bleibt dort nicht »bis in alle Ewigkeit«. Eine Blue-Ray-Disk hält angeblich 50 bis 100 Jahre – vorausgesetzt, sie wird nicht Wärme, Licht und Feuchtigkeit ausgesetzt und erhält keine Kratzer. Die Haltbarkeit aller anderen Speichermedien ist kürzer, und gleichzeitig wechseln immer neue Formate einander ab, so dass man bereits heute Schwierigkeiten hat, Daten von zehn Jahre alten Speichermedien auszulesen. Wer erinnert sich denn noch an 5,25-Zoll-Disketten?

Ein Buch hingegen hält praktisch eine Ewigkeit. Wenn Papier und Tinte säurefrei sind, die Seiten vor Licht, Feuer und Wasser geschützt werden, kann davon ausgangen werden, dass man sie noch in fünfhundert Jahren lesen kann. Sicher, es gibt bessere Materialien als Papier, aber Papier hat gegenüber Steintafeln und Tierhäuten andere Eigenschaften, die es insgesamt gesehen zum besten Speichermedium machen. In den fünfziger Jahren hat man vor allem für Taschenbücher minderwertiges Papier verwendet, und Johann Sebastian Bachs Urschrift der h-Moll-Messe wird wegen Tintenfraßes irgendwann einfach nicht mehr vorhanden sein (zum Glück gibt es sie in vielfach gedruckter Form – und digital), aber angesichts der heute verwendeten Materialien ist diese Gefahr für neue Bücher gebannt.

Ein besonders wichtiger Aspekt des gedruckten Buchs ist, dass man es anfassen kann. Es ist das eine, bloß die Informationen des Textes aufzunehmen; beim rein funktionalen Lesen, wie bei der Zeitungslektüre, ist diese Art völlig ausreichend. Dann stört auch der kalte Schein des Displays nicht oder die glatte Oberfläche des Lesegeräts. Aber viele Menschen schätzen auch das Knistern der Zeitung, weil es bestimmte Emotionen in ihnen hervorruft. Und wenn es darum geht, die Geschichte eines nahestehenden Menschen zu erfahren, dann hilft die Berührung mit dem Umschlag und den Seiten, eine Bindung zum Autor aufzubauen und im Verlauf der Lektüre zu stärken.

Nicht von ungefähr versuchen die Hersteller von Lesegeräten, die Kälte ihres Produkts zu verbergen. Es muss doch einen Grund haben, dass zum Beispiel Amazon mit dem Hinweis »Touch-Display zum Lesen wie auf echtem Papier« wirbt. Sie wollen glauben machen, dass es im Vergleich zum Buch nur Vorteile gibt und der Kunde nicht bemerkt, dass er nur das Nutzungsrecht am Text erwirbt und auch noch sein Leseverhalten ausforschen lässt. Bei einem echten Buch stellen sich diese Probleme nicht: Der Text ist immer griffbereit, Strom braucht es nicht (im Notfall tut es eine Kerze oder besser einfaches Tageslicht) und was davon gelesen wird, bleibt das Geheimnis des Besitzers.

Das echte Buch ist im Grunde das Gegenmodell zur Digitalisierung. Man kann es vielleicht auch als Korrektiv ansehen, denn zum einen ist die Digitalisierung nicht aufzuhalten, zum andern bringt sie so viele Vorteile, dass man sie auch nicht aufhalten sollte. Das echte Buch bietet in dieser Entwicklung einen echten Anker, indem es der Flüchtigkeit und Sachlichkeit der digitalen Information Ewigkeit und Emotion gegenüberstellt oder wenigstens hinzufügt. Echte Bücher halten den Strom der Geschichte zusammen, sind das Scharnier zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und wer sein Leben als echtes Buch hinterlässt, hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

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