Haben deutsche Opfer kein Gesicht?

Die Opfer des Terroranschlags von Barcelona haben Namen und Gesichter. Die des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz nur zum Teil. Die der deutschen sind weggelassen worden. Warum eigentlich?

Breitscheidplatz Berlin
Foto: EuroBill / Wikimedia Commons / CC 0 1.0

Am Abend des 19. Dezember 2016 verbreitete sich eine erschütternde Nachricht über alle Kanäle: Auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin war gegen 20 Uhr ein schwerer Lkw in die Menge gerast und erst nach 70 bis 80 Metern zum Stillstand gekommen. Schnell kristallisierte sich heraus, dass es sich um einen islamistisch motivierten Anschlag handelte und keinen Unfall. Der Täter hatte den Lkw am Nachmittag gekapert und dabei den Fahrer ermordet. An der Gedächtniskirche fielen elf Menschen dem Mörder zum Opfer, 55 Besucher wurden teils schwer verletzt.

Der Schock saß tief, denn mit diesem Anschlag war eine neue Form des Terrorismus auch in Deutschland angekommen. Schon am 14. Juli 2016 hatte es einen ähnlichen Vorfall in Frankreich gegeben, als ein Mann in Mordabsicht einen Lkw über die Strandpromenade von Nizza steuerte, dabei gezielt Menschen überfuhr und 86 Tote und über 70 Verletzte zurückließ.

Bis zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt hatte es zwar schon islamistischen Terrorismus in Deutschland gegeben, zum Beispiel am 24. Juli 2016 in Ansbach oder am 18. Juli 2016 in Würzburg. Doch irgendwie betrafen diese schrecklichen Taten vor allem das Ausland. Dass gleichwohl auch hierzulande das Entsetzen groß war, versteht sich. Sichtbarer Ausdruck der Erschütterung waren Kerzen an konsularischen Vertretungen oder die Illuminierung des Brandenburger Tors in den Farben des jeweils betroffenen Landes. Und viele Facebook-Nutzer änderten ihre Profilbilder, um ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verleihen.

Inzwischen hat es wieder und wieder Anschläge gegeben. Dass Fahrzeuge als Waffe verwendet werden, ist dabei jedoch die Ausnahmen, die bloß die größte Aufmerksamkeit genießen. Meistens schießen die Täter auf ihre Opfer oder stechen heimtückisch auf sie ein. In jedem Fall aber scheint ganz Europa inzwischen zum Operationsgebiet für die Anhänger des »Islamischen Staates« zu sein, der mit seinen ausführenden Mitgliedern, also den Terroristen, über das Smartphone in Verbindung steht und sie anleitet.

Worin sich die einzelnen Länder, in denen die Bluttaten verübt werden, unterscheiden, ist die Form des Gedenkens. Darauf hat der Künstler und Publizist Gerd Buurmann aufmerksam gemacht: Ihm ist aufgefallen, dass am Ort des Anschlags von Barcelona, wo am 17. August 2017 bei einem Lkw-Anschlag 14 Menschen getötet und mindestens 118 verletzt wurden, alle Opfer namentlich genannt und ihre Porträts gezeigt werden. In der improvisierten Gedenkstätte an der Berliner Gedächtniskirche hingegen werden nur die Namen der nichtdeutschen Opfer genannt – der polnische Lkw-Fahrer sowie jeweils eins aus Tschechien, Israel und Italien – und ihre Bilder gezeigt. Von den deutschen Opfern wird nur einer beim Vornamen genannt, ansonsten erfährt man nichts über sie. Buurmann: »Es sind Menschen ohne Gesicht. Sie sind lediglich Teil einer kalten, bürokratischen Zahl: Acht! Acht Opfer ohne Gesicht und Geschichte.«

Warum werden die deutschen Opfer nicht genannt und ihre Bilder nicht gezeigt? Das könnte aus Gründen des Datenschutzes geschehen sein. Aber die Art, mit der im Nachgang behandelt wurden, ist ein Indiz dafür, dass es nicht unbedingt daran gelegen haben muss. Angehörige erhielten keine Informationen, sondern Kostenbescheide; es gab zuerst keine Trauerfeier oder einen Staatsakt wie in anderen Ländern. Ein Beobachter fragte sich empört: »Das Schweigen ist lärmend, Empathie gefährlich. Ein böser Verdacht drängt sich auf: Waren es am Ende die falschen Opfer, die falschen Täter?«

Auf dem Zettel mit den teilweise genannten Namen der Opfer an der Gedächtniskirche steht: »Wir trauern um die 12 Toten des islamistischen Terroranschlags vom 19.12.2016 am Berliner Breitscheidplatz«. Bemerkenswert ist, dass jemand das Wort »islamistisch« rot unterstrichen und mit einem Fragezeichen versehen hat. Was wollte der Unbekannte damit ausdrücken? Dass er nicht zwischen »islamistisch« und »islamisch« trennen will? Oder umgekehrt dass man die Motivation des Täters besser nicht nennen sollte? In jedem Fall ist dieser Zusatz polemisch und insofern deplaziert, aber irgendwie passt er wiederum gut zu dieser ziemlich verfehlten Form der Auseinandersetzung mit dem Anschlag. Nicht nur die Herkunft der Opfer scheint ein Problem zu sein, sondern auch die des Täters.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.