Denkmäler belassen, um Schlussstrich zu verhindern

Malte Lehming plädiert dafür, Denkmäler auch dann stehenzulassen, wenn der Geehrte eine ambivalente Person war. Er warnt vor der Versuchung, die Vergangenheit abschütteln zu wollen.

Karl Marx Monument Chemnitz
Foto: gravitat-OFF / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Soll man Denkmäler aus vergangenen Epochen abreißen, die Personen ehren, die man heute nicht mehr ehren würde? Im Berliner Tagesspiegel stellt Malte Lehming diese berechtigte Frage – auf die er keine eindeutige, einfache Antwort weiß, weil das Problem komplexer ist als die meisten Diskussionen über die Frage vermuten lassen. Die nachträgliche Korrektur oder Neubewertung des Erinnerns hat, meint der Chef des Meinungsressorts, weitreichende, wenig bedachte Weiterungen. Er fragt: »Wo anfangen, wo aufhören, und was sind die Kriterien?«

In der letzten Zeit hat es verschiedene Fälle gegeben, die zu Diskussionen geführt haben. Der prominenteste war sicherlich der der Statue des Konföderiertengenerals Robert E. Lee im amerikanischen Charlottesville, deren Entfernung – auch wegen der Kommentare des US-Präsidenten – zu den weltweit beachteten Auseinandersetzungen geführt hat. Aber auch in Deutschland ist das Problem fast allgegenwärtig, wie die Diskussionen über die Wittenberger »Judensau« oder die Straßen im Afrikanischen Viertel in Berlin zeigen.

Die Frage, an welche historischen Personen man öffentlich gedenken soll – oder darf – lässt sich nicht nach einer Formel entscheiden. »Überraschenderweise gibt es nur wenige klare Fälle«, stellte Lehming fest. »Eine Hitler-Statue in Deutschland etwa wäre undenkbar.« Andere Länder haben allerdings weniger Probleme, Massenmörder vom Schlage Hitlers weiterhin mit Denkmälern und Monumenten zu würdigen: Stalin, Lenin oder Mao stehen in Russland und China weiterhin hoch im Kurs.

Während man sich in vielen Fällen dafür entschieden hat, Monumente stehenzulassen, haben sich vor allem islamische Eiferer fürs Abreißen entschieden. In Afghanistan sprengten sie historisch bedeutsame Buddha-Statuen, in Syrien zerstörten sie antike Tempel, in Mali rissen sie Heiligengräber ein. Man könnte auch das Verbot der Erforschung der christlichen Vergangenheit der arabischen Halbinsel hinzufügen. Aber auch in Deutschland kennt man ähnliches: Da wurden von der SED in Leipzig und Berlin Kirchen und Schlösser gesprengt und Städte umbenannt, und nach 1989 wieder aufgebaut und erneut umbenannt.

Lehming plädiert im Umgang mit Denkmälern grundsätzlich fürs Stehenlassen. Er ist sich bewusst, dass die Geehrten in der Regel zumindest ambivalent waren; Lee etwa lehnte die Sklaverei zwar ab, kämpfte aber für die Sklavenhalter. Nur kann man dieser Ambivalenz eben nicht dadurch entfliehen, indem man sich der Erinnerung durch das Entfernen entledigt. »Alle missliebigen Artefakte der Geschichte in Museen zu entsorgen, würde auch bedeuten, sie der öffentlich jederzeit zugänglichen Konfrontation zu entziehen. Bilderstürmerei ist manchmal auch der Versuch, sich von historisch fatalen Epochen reinzuwaschen.«

Es gilt daher, meint Lehming, einen reflektierten Umgang mit den Relikten aus vergangenen Zeiten zu finden. In Deutschland heißt das, sich auch mit Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus auseinanderzusetzen und folglich den heute nicht mehr angemessenen Umgang damit in den jeweiligen Kontext zu rücken, sofern Klärungsbedarf besteht. Informationstafeln an solchen Objekten, zum Beispiel dem Relief aus Wittenberg, hält er für eine gute Lösung – auch um die Erinnerung weiterzutragen und Geschichte zu vergegenwärtigen. »Viele Zeugnisse davon bedürfen einer kommentierenden Einordnung. Sie zu entfernen, käme einem Schlussstrich gleich.«

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