Schweden und das Högertrafikomläggning

Vor 50 Jahren änderten die Schweden die Richtung auf ihren Straßen und führten das Rechtsfahrgebot ein. Sie hatten sich lange dagegen gesperrt – und gewöhnten sich schnell daran.

Look right
Foto: Gideon / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Es gibt viele Konventionen, die man nicht hinterfragt. Sie sind in Fleisch und Blut übergegangen und werden akzeptiert, weil man sich irgendwann einmal auf sie geeinigt hat und sich nun nach ihnen richtet. Das Rechtsfahrgebot auf den Straßen etwa nimmt man hin, als wäre es schon immer so gewesen. Erst beim Urlaub in Großbritannien, Indien oder Australien merkt man: Es muss nicht so sein. Die Schweden blicken dieser Tage auf einen epochalen Einschnitt in ihrer Verkehrsgeschichte zurück: Am 3. September 1967 wechselten sie von der linken auf die rechte Fahrbahnseite.

Niemand weiß genau, warum man sich im Verlauf der letzten zweieinhalb Jahrhunderte in Europa mehrheitlich für den Rechtsverkehr entschieden hat. Man weiß nur, dass Napoleon dabei eine große Rolle spielte. Er, der den ganzen Kontinent unterwarf, hinterließ unter anderem diese Regelung. Lange Zeit konnte sie sich allerdings nicht durchsetzen; manche Länder behielten sie bei, andere kehrten zum Linksfahrgebot zurück. Aber eine große Bedeutung spielte sie angesichts des geringen Verkehrsaufkommens und der geringen Bevölkerungsdichte ohnehin nicht.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte es der zunehmende Motorisierungsgrad und die zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen der Länder erforderlich, zu einer einheitlichen Regelung zu gelangen. Im Internationalen Abkommen über Kraftfahrzeugverkehr, das 1926 in Paris beschlossen wurde, konnte man sich auf Rechtsverkehr einigen, wobei Großbritannien das Abkommen bis heute nicht umgesetzt hat (und auf absehbare Zeit wohl auch nicht umsetzen wird).

Die Schweden taten sich schwer mit der Umstellung, obwohl es in den in Schweden produzierten Kraftfahrzeugen nicht das konstruktive Hindernis gab, das die aus britischer Produktion auszeichnete: Das Lenkrad befand sich ohnehin auf der linken Seite; der Fahrer saß also nicht in der Straßenmitte, sondern am Straßenrand. Dennoch war die Bevölkerung gegen die Umstellung. Nach einer Phase der Konfusion war 1923 zunächst einmal der Linksverkehr verbindlich eingeführt worden, und als nach dem Krieg immer häufiger auf Umstellung gedrängt wurde, lehnten die Schweden sie 1955 in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit ab. Seit der Empfehlung von 1963 des Nordischen Rats, also eines schwedisch-dänisch-norwegischen Beratungsgremiums, drückte die Regierung jedoch aufs Tempo. Mit dem Hinweis auf die Unfallzahlen wurde der Rechtsverkehr zum 3. September 1967 eingeführt.

Den Tag der Umstellung bereitete die Regierung sorgfältig vor. Sie startete eine Informationskampagne, die sich auch heute noch sehen lassen kann. Als Symbol diente das »H«, das für »höger«, also »links«, stand. Man schaltete Anzeigen in allen Zeitungen, im Radio und im Fernsehen und ließ Unterwäsche, Streichholzschachteln und Milchtüten mit dem Logo bedrucken. Obwohl Schweden mit acht Millionen Einwohnern ein eher kleines Land waren, mussten an den 155.000 Kilometer Autostraßen 350.000 Verkehrsschilder geändert oder umgestellt werden. In der Nacht zum Sonntag wurde für Privatfahrezeuge ein Fahrverbot verhängt, und um 4.50 Uhr ruhte der Verkehr im ganzen Land. Vorsichtig wechselten die in dieser Nacht zugelassenen Fahrzeuge die Straßenseite, und um 5.00 Uhr war der Wechsel vollzogen.

»Natürlich wird es zu Beginn einige Schwierigkeiten geben«, hatte Kommunikationsmisnister Olof Palme prophezeit. »Aber ich hoffe, dass wir sie überwinden, mit gegenseitiger Rücksicht und gutem Willen.« Er sollte Recht behalten. Insgesamt lief der Wechsel reibungslos ab. Die Zahl der dadurch bedingten Unfälle hielt sich in engen Grenzen, und die Schweden nahmen die Veränderung gelassen hin. Manche Städte nahmen die Umstellung zum Anlass, die Straßenbahnen abzuschaffen, die sie ansonsten hätten umrüsten müssen – Ausdruck einer autozentrierten Verkehrspolitik, die man heute kritisch sehen kann.

Einstweilen aber herrschte Zufriedenheit im Land. Lars Skiölds, der Chef der staatlichen Rechtsverkehrskommission, sagte: »Hier herrscht Feststimmung und die neue Verkehrsordnung wird mit Hurrarufen begrüßt. Wir sind auf dem Weg auf die rechte Straßenseite und haben die Ehre, Ihnen, liebe Fernsehzuschauer, Rechtsverkehr in Schweden präsentieren zu dürfen.« Dabei ist es nicht lange geblieben, denn der Gewöhnungseffekt setzte schnell ein. Heute fährt man in Schweden genauso selbstverständlich rechts wie im ganz Kontinentaleuropa. Man muss nur auf Details bei der Anlage so mancher Straße achten, um zu erkennen, dass sie ursprünglich für den Linksverkehr ausgelegt war.

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