Berlin streitet über Straßen im »Afrikanischen Viertel«

Der Umgang mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit erweist sich als schwierig. Neue Straßennamen für das »Afrikanische Viertel« sind auch nach jahrelanger Suche nicht in Sicht.

Afrikanisches Viertel Berlin Wedding
Foto: Denis Barthel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Im Berliner Stadtteil Wedding gibt es ein »Afrikanisches Viertel«, um dessen Straßennamen seit Jahren ein Streit tobt. Denn diese Straßen sind unter anderem nach deutschen Männern benannt, die im 19. Jahrhundert auf verschiedene Weise bei der Kolonialisierung Afrikas, bei der Sicherung von Kolonien für das Deutsche Reich beteiligt waren. Das Viertel selbst wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt und in den dreißiger Jahren erweitert. Benannt sind die Straßen nach dem Kontinent selbst, nach Orten und Ländern wie Windhuk und Togo und eben nach Männern wie Adolf Lüderitz, Gustav Nachtigal und Carl Peters.

Lüderitz (1834-1886) war ein Bremer Kaufmann, der unter anderem in Namibia aktiv war, Nachtigal (1834-1885) ein Wissenschaftler, der sich unter anderem durch die Erforschung des afrikanischen Kontinents verdient gemacht hat, Peters (1856-1918) ein Kolonialist, der die Kolonie Deutsch-Ostafrika mitbegründet hat.

Peters wurde das Patronat für die Petersallee allerdings erst 1939 erteilt und 1986 wieder entzogen und Hans Peters zugewiesen, einem Politiker, der Widerstand gegen die NS-Herrschaft geleistet hatte. Es war der Erkenntnis geschuldet, dass der von den Nazis gelobte und durch die Straßenumbenennung gleichsam rehabilitierte Rassist (»Hänge-Peters«) an dieser Stelle keinen Platz hat. Mit der Umwidmung, die keine echte Umbenennung war, entledigte man sich der Aufgabe, die Straßenschilder auszuwechseln. Die Frage, ob dieses Vorgehen halbherzig war, ist berechtigt.

In diesem Sommer hat der Streit eine neue Stufe erreicht. Da 2016 die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen hatte, Lüderitzstraße, Nachtigalplatz und Petersallee umzubenennen, berief die zuständige Stadträtin Sabine Weißler eine Jury mit zwölf Mitgliedern ein, die über die knapp 200 eingereichten Vorschläge für neue Namen entscheiden sollte. Die Jury tagte allerdings hinter verschlossenen Türen, lehnte ohne Begründung die meisten Vorschläge ab und entschied sich für Namen, die bei den Gegnern der Umbenennung für Aufruhr sorgten.

Insgesamt sechs Namen wählte die Jury, die zur Hälfte mit Vertretern der »afrikanischen Community« besetzt war, unter ihrem Vorsitzenden Bertrand Njoume aus. Der sagte, man habe »jeden Vorschlag ausführlich besprochen und alle Aspekte gewissenhaft geprüft«, der Beschluss der BVV sei »unsere Bibel« gewesen. Doch die Namen dieser Personen – Nzinga von Ndongo und Matamba (1583-1663), Yaa Asantewaa (1863-1923), Martin Dibobe (1876-1922?), Rudolf Manga Bell (1873-1914), Wangari Maathai (1940-2011), und Miriam Makeba (1932-2008) – sind zumindest teilweise in der Tat höchst fragwürdig.

Besonderes Aufsehen erregte die Nominierung Nzingas, die zwar portugiesischen Kolonisierungsversuchen die Stirn bot, doch ansonsten eine grausame Herrscherin war, die zugleich mit den Eindringlingen aus Europa gut zusammenarbeitete: Sie lieferte ihnen Sklaven; eine zeitgenössische europäische Darstellung zeigt, wie sie in Luanda den portugiesischen Gouverneur empfängt – sie hat auf einem sich auf einem Teppich kauernden Sklaven Platz genommen. Dass ausgerechnet sie in die Liste der Vorschläge aufgenommen wurde, rechtfertigte Njoume mit der Darstellung Nzingas in Publikationen der UNESCO. »Eine Änderung der Vorschläge kommt nicht infrage«, erklärte er.

Die BVV sieht das allerdings anders und hat beschlossen, das Verfahren neu aufzurollen. Die 196 abgelehnten Vorschläge sind damit wieder im Spiel, und der Ärger geht weiter. Auf der einen Seite macht eine kleine Gruppe von Aktivisten Druck, dem Kommunalpolitiker der linken und grünen Parteien bereitwillig nachgeben. Auf der anderen Seite steht das ebenso parteiübergreifende Unverständnis vieler Anwohner über deren geschichtsbewussten und zugleich geschichtsvergessenen Eifer. Drastisch formulierte es der ehemalige Bürgermeister des Berliner Multi-Kulti-Bezirks Neukölln, Hans Buschkowsky: »Straßenbenennungen schreiben das Geschichtsbuch nicht um und eignen sich nicht für Klugscheißer mit Wikipedia-Wissen. Sie sind in erster Linie Ordnungsmerkmal und Orientierungshilfe im Alltagsraum.«

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