Afghanische Frauen kämpfen für ihre Namen

In Afghanistan haben Frauen keine Namen, sondern nur eine Funktion: Tochter, Ehefrau oder Mutter. Eine Kampagne fordert jetzt: Auch afghanische Frauen haben das Recht auf eine eigene Identität.

Mädchen in Afghanistan
Foto: Mette Bastholm/Helmand PRT/Danish Ministry of Foreign Affairs/Department for International Development / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Man kann sich kaum vorstellen, wie massiv die Unterdrückung und Entrechtung von Frauen in Afghanistan ist. Sicher: Dieser Tage ist hierzulande verstärkt von der Burka und ihrem Verbot die Rede, also jenem hellblauen Umhang, bei dem sogar der Sehschlitz vergittert ist. Die Burka ist afghanischen Ursprungs und ermöglicht ihren Trägerinnen gerade einmal, geradeaus zu gucken. Doch das ist nur der äußere Ausdruck der einer Geringschätzung, die noch viel weiter geht – und hierzulande so gut wie unbekannt ist.

Frauenrechtlerinnen machen im Westen seit dem 1. August 2017 darauf aufmerksam, dass die Namen afghanischer Frauen in der Öffentlichkeit nicht genannt werden und ihre öffentliche Identität auf ihre Funktion als Tochter, Ehefrau oder Mutter beschränkt wird (#WhereIsMyName). Bis jetzt ist es eine Ausnahme, Frauen beim Namen zu nennen: Große Empörung brach los, als der afghanische Präsident Aschraf Ghani seine Frau Bibi Gul namentlich erwähnte oder der Musiker Farhad Darya seine Frau Sultana.

Dass Frauennamen in der Öffentlichkeit nicht genannt werden, dass Frauen dadurch gleichsam eine öffentliche Existenz abgesprochen wird, hat in Afghanistan eine lange und tiefverwurzelte Tradition. Eine Unterstützerin der Kampagne aus Kabul versucht diese Eigenart zu erklären: »Wir haben diese abergläubische Tradition von früheren Generationen geerbt. Sogar die Männer, denen es peinlich ist, die Namen ihrer Frauen zu erwähnen, wissen nicht den Grund. Sie wissen nur, dass das so üblich ist, weil sie es von ihren Eltern so kennen.«

Afghanistan ist ein konservatives, muslimisches Land. Dennoch hat diese Form der Diskriminierung mit dem Islam wenig zu tun, worauf zurecht aufmerksam gemacht wird. »Wäre das der Fall, warum kennt dann jeder die Namen der Frauen des Propheten des Islam?«, fragt Nashir Ansari. Der Raub der Identität von Frauen in Afghanistan ist eher ein spezifischer Bestandteil der dortigen Kultur. Einer Kultur, nebenbei bemerkt, die auch bei strenger Betrachtung wenige oder gar keine Entsprechungen in der unzweifelhaft vorhandenen Diskriminierung von Frauen in der deutschen oder europäischen Vergangenheit findet.

Von dieser Tradition kann sich niemand mir nichts, dir nichts freimachen, auch die Aktivistinnen nicht, die die Kampagne unterstützen. Eine von ihnen, Batool Mohammadi, berichtet von einer geradezu bestürzenden Selbsterkenntnis, als sie ein Bankkonto eröffnete und dafür ein Formular ausgefüllt werden sollte: »Als der Bankangestellte nach dem Namen meiner Mutter fragte, musste ich ein paar Sekunden überlegen, denn ich hatte tatsächlich den Namen meiner Mutter vergessen. In dieser Zeit hatte sie niemand nach ihrem Namen gefragt oder sie bei ihrem Namen gerufen.«

Es ist unwahrscheinlich, dass die Kampagne, die noch bis Ende September laufen soll und vor allem über Twitter und Facebook verbreitet wird, zu einem messbaren Erfolg führt. Denn auch wenn sich immer öfter Stimmen zu Wort melden, die diese Tradition anprangern, so bleiben die doch in der Minderheit. Ein Sprecher des Verfassungsgerichts in Kabul meint: »In der afghanischen Kultur sind die Menschen noch nicht breit für so einen modernen Schritt. Er könnte unerwünschtes Chaos hervorrufen.« Das Gesetz ist jedenfalls eindeutig: Es untersagt, den Namen der Mutter auf der Geburtsurkunde eines Kindes zu erwähnen.

Der Widerstand, der den Frauenrechtlerinnen entgegenschlägt, ist nicht unbeträchtlich. »Die Männer beschimpfen mich meist als Schlampe,« sagt eine von ihnen. »Die Frauen sagen, ich würde die afghanische Kultur nicht ehren.« Und schlimmer noch: Die Unterstützung bleibt aus, was angesichts der Angemessenheit der Forderung besonders traurig ist. Denn Namen sind nicht magisch, aber sie haben in jeder Gemeinschaft von Menschen eine Bedeutung. Nicht von ungefähr wird der Teufel unter anderem »der Namenlose« genannt und Gefangene in Diktaturen nur mit ihrer Nummer.

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