Auf Gräbersuche in Cottbus

Der Bruder meines Vaters verlor beim Luftangriff auf Cottbus 1945 sein Leben. Er wurde vier Jahre alt. Auf der Gedenktafel auf dem Südfriedhof ist sein Name nicht verzeichnet.

»Opfer des Bombenangriffes vom 15. Februar 1945«: Gedenktafel auf dem Südfriedhof in Cottbus.

Ich wusste schon lange, dass der Bruder meines Vaters im Krieg ums Leben gekommen war. Er wurde gerade einmal vier Jahre alt und war der Liebling meiner Großmutter gewesen. In der Familie erzählte man sich, dass in einer chaotischen Situation auf der Flucht ein Soldat sich seiner annahm – und beide nicht zurückkehrten. Wie ich kürzlich erfuhr, ging die Geschichte aber ein wenig anders.

Meine Großmutter hatte in der Lausitz gewohnt und hatte sich mit ihren drei Kindern und ihrer Schwester und ihren Töchtern im Februar 1945 nach Westen aufgemacht, um sich vor der herannahenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Ihr Mann war zu dieser Zeit »im Krieg« oder »an der Front«. Die Gruppe hatte Platz in einem Zug der Wehrmacht gefunden, einer mobilen Abschussrampe mit großen Kanonen, die nur nachts bewegt wurde und tagsüber irgendwo versteckt wurde. Sie waren noch nicht lange unterwegs gewesen, als sie auf dem Hauptbahnhof von Cottbus ankamen. Eigentlich war Dresden das Ziel, doch Dresden war voll mit Flüchtlingen und wurde gerade bombardiert.

Doch auch Cottbus war nicht sicher. Bis zum August 1944 hatte die britische Luftwaffe Cottbus noch nicht als wichtiges und deshalb zu bombardierendes Ziel identifiziert. Das änderte sich allerdings Anfang Februar 1945, als man zur Auffassung kam, dass der Bahnhof und die in der Nähe gelegenen Ausbessungswerke als kriegswichtige Infrastruktur anzusehen seien. In der Tat hatte sich der Bahnhof zu einem bedeutenden Umsteigepunkt entwickelt. Die alliierte Luftwaffe schickte Aufklärer in die Lausitz, die diese Einschätzung bestätigten.

Am Vormittag des 15. Februar bemerkte die deutsche Luftwaffe, dass von der Nordsee her amerikanische Bomber nach Mitteldeutschland fliegen. Sie wussten nicht, dass sie verschiedene Industrieanlagen angreifen wollten, in denen Benzin hergestellt wurde (»Offensive gegen das Öl«). Magdeburg, Böhlen und das Hydrierwerk in Ruhland-Schwarzheide waren die Ziele. Doch da über Schwarzheide, das südwestlich von Cottbus liegt, eine dichte Wolkendecke lag und das Ziel nicht zu erkennen war, flogen die Bomber ersatzweise Cottbus an, um den Hauptbahnhof anzugreifen. Hier schien die Sonne.

Cottbus wurde von der deutschen Luftabwehr (PDF) gewarnt. Um 11.05 wurde Voralarm gegeben, um 11.35 Uhr tönten die Sirenen. Doch am Hauptbahnhof fehlten Lokomotiven, die gerade jetzt dringen nötig gewesen wären: Im Hauptbahnhof standen ein Munitionszug, mehrere Verwundetenzüge – und er war voll mit Flüchtlingen. In der Zwischenzeit näherten sich in sieben oder acht Kilometern Höhe 450 Bomber des Typs B-17, die um 11.51 Uhr damit begannen, insgesamt über 1.000 Tonnen Bomben über dem Bahnhof und der südlichen und östlichen Umgebung abzuwerfen. In aller Eile versuchte die Familie meiner Großmutter, sich wie hunderte oder tausende andere Reisende in Schutzräume zu retten. Bei dieser Gelegenheit nahm der Soldat ihren Jüngsten mit, denn alles musste jetzt sehr schnell gehen.

Das Grauen eines Aufenthalts in einem Keller oder Schutzraum, wenn die Bomben fallen, ist heute kaum mehr nachzuvollziehen. Ein Augenzeuge berichtete: »Gegen 12.00 Uhr mittags gab es Fliegeralarm. Als ich aus dem Waggon sah, da erblickte ich genau über uns am Himmel schon die Rauchzeichen der Markierungsbomben. Nun aber schleunigst raus und in den Luftschutzkeller im Bahnhof. Schon ging das Krachen der Flak-Geschütze und der Bombeneinschläge los.

Der Keller war proppenvoll mit Flüchtlingen, Frauen und Kindern und uns aus dem Transportzug. Mit einem Mal gab es einen fürchterlichen Rumms, der Keller hob und senkte sich, das Licht ging aus, Frauen und Kinder brüllten los. Gleich darauf noch einmal den selben Rumms und der Keller hob und senkte sich wieder. Noch einmal Geschrei. Ich dachte mir, die Kellerdecke hält noch und kommt, außer Kalkgeriesel, nicht runter. Alle beruhigten sich langsam wieder. Das Rummsen draußen hörte aber noch lange nicht auf. Als Leute von uns dann nach langer Zeit doch endlich die Kellertür öffneten, sahen wir, daß im Bahnhof ein Munitionszug stand, der getroffen worden war und in die Luft flog. Etwa 8 bis 10 Meter vor dem Kellereingang war ein riesiger Bombentrichter und diagonal über Eck vom Bahnhof hatte die nächste Bombe unseren Transportzug getroffen.

Nach dem Sammeln mußten wir aus einem Lazarettzug, der auch getroffen worden war, Verwundete bergen helfen und in die Kasernen von der Division Großdeutschland bringen. Als 16-Jähriger sah ich damals in Cottbus meine ersten Kriegstoten. Selber war ich noch einmal davongekommen.«

Nach 34 Minuten zogen die Flieger wieder ab. Als meine Großmutter ihre Familie wieder versammelt hatte, fehlte der Jüngste. Er hatte sich, wie sich herausstellte, losgerissen und war dem Soldaten entlaufen. Seine Leiche wurde mit anderen Leichen – einer Familie – unter einem der Züge gefunden. Vermutlich hatte eine Luftmine, die laut Wikipedia »gegen ungepanzerte Flächenziele verwendet [wird] und sind besonders auf eine starke Detonationswelle ausgerichtet, die das Umfeld verwüstet«, ihre Lungen zerfetzt. Meine Großmutter musste ihn zurücklassen, da schon wieder neue Züge mit Flüchtlingen am Bahnhof ankamen.

Nicht nur der Bahnhof war durch die Aktion »Thunderclap« (Donnerschlag) schwer beschädigt, sondern auch ein Krankenhaus, ein Gefängnis, über 20 Fabrikanlagen und 450 Wohnhäuser; die Lutherkirche brannte ab. 1.000 Menschen – nach älteren Schätzungen waren es zwischen 3.000 und 7.000 – verloren bei dem Angriff ihr Leben, darunter 400 Flüchtlingskinder. 910 Opfer wurden auf dem Südfriedhof bestattet, wo eine Gedenktafel an sie erinnert. Ich bin hingefahren, weil Erzählungen in der Familie die Hoffnung genährt hatten, dass der Name meines Onkels auf dieser Gedenktafel verzeichnet ist. Aber ich habe ihn nicht gefunden.

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