Der Historiker Eberhard Jäckel ist gestorben

Der jüngst verstorbene Historiker Eberhard Jäckel prägte die deutsche Erinnerungskultur maßgeblich, weil er wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit vermittelte.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Foto: Wikimedia Commons / CC BY 1.0 (Ausschnitt)

Vor zwei Wochen, am 15. August 2017, ist der Mann gestorben, der die gegenwärtige Erinnerung an den Holocaust maßgeblich mitgeprägt hat: Eberhard Jäckel wurde 88 Jahre alt; er war dreißig Jahre lang Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Stuttgart, vermittelte wie kein Zweiter wissenschaftliche Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit und beeinflusste mit seinen Interventionen maßgeblich die Erinnerungskultur in Deutschland.

Jäckel habilitierte sich 1966 mit einer Schrift über »Frankreich in Hitlers Europa«, das lange Zeit als Standardwerk galt. 1969 legte er »Hitlers Weltanschauung« vor, das auch über Fachkreise hinaus große Aufmerksamkeit erregte. Auch mit »Hitlers Herrschaft« von 1986 setzte er Maßstäbe. Er gehörte damit zu der Wissenschaftlergeneration, die sich ohne persönliches biografisches Gepäck der nationalsozialistischen Vergangenheit widmen konnten.

Bei seinen Forschungen über den Diktator kam Jäckel zum Schluss, dass Hitler von Anfang an die Unterwerfung des östlichen Europas und die Vernichtung der europäischen Juden geplant habe. Er wurde damit zum führenden Vertreter der Schule der »Intentionalisten«, während die damit konkurrierende Schule der »Intentionalisten« um Hans Mommsen davon ausging, dass Hitler ein schwacher Diktator gewesen sei und sich der Plan zum Holocaust erst im Verlauf seiner Herrschaft entwickelt habe. Diese Debatte blieb aber eher akademisch und wird heute kaum noch weitergeführt.

Der Einfluss Jäckels auf die Erinnerungskultur kann nicht überbewertet werden. 1990 wurde die vierteilige Fernsehserie »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« ausgestrahlt, die Jäckel in Zusammenarbeit mit der Journalistin Lea Rosh erarbeitet hatte. »Es ist es das große Verdienst dieses Films, daß er die Zuschauer in Zeugen, ja, in potentielle Akteure verwandelt«, lobte seinerzeit Walter Jens die dokumentarische Collage.

Am nachhaltigsten Zeichen gesetzt hat Jäckel aber mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das unter anderem auf seine Anregung errichtet wurde. Der Gedanke dazu kam ihm im Verlauf des »Historikerstreits« 1986; über zehn Jahre später traf der Bundestag den Beschluss zum Bau, und 2005 wurde es eingeweiht. Entworfen von Peter Eisenman und Richard Serra bilden 2.711 Beton-Stelen auf einer Fläche von 19.000 Quadratmetern im Zentrum Berlins ein beeindruckendes Ensemble, dem auch das teils wenig subtile Verhalten der Touristen nichts von seiner Erhabenheit nehmen kann.

Angesichts des Umfangs und der Bedeutung seines wissenschaftlichen und publizistischen Werks fällt der Fleck kaum auf, den der Fälscher Konrad Kujau hinterlassen hat. 1980 veröffentlichte Jäckel die Quellensammlung »Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 bis 1924«, deren Bedeutung auch heute noch geschätzt wird. Bloß hatte er eben auch 76 Dokumente aus der Feder Kujaus aufgenommen (was nicht mehr als vier Prozent ausmachte), der 1983 enttarnt wurde, als die Zeitschrift Stern dessen gefälschten »Hitler-Tagebücher« veröffentlichte.

Dass Jäckel in der Öffentlichkeit ein gefragter Experte war, dessen Wort bereitwilig gehört wurde, lag vielleicht auch an seiner ansprechenden äußerlichen Erscheinung, die ihn schon in einer – rückblickend geurteilt – unaufgeregten Zeit prominent machte. Er blieb gleichwohl bescheiden und stellte seine Person zurück, wie es in einem Nachruf heißt: »Und gerade Jäckel wusste, dass wissenschaftliche Forschung stets das Ziel haben muss, über sich selbst hinaus zu gelangen. Es gehe darum, so sein immer wieder vorgetragenes hermeneutisches Credo, das Vorurteil durch das Urteil zu bekämpfen.«

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