Als Podcast: Opfer des Gulag berichten

Berichte von Überlebenden aus sowjetischen Arbeitslagern sind von der Bundesstiftung Aufarbeitung als Podcast veröffentlicht worden. Den Anfang machen acht Interviews mit deutschen Opfern Stalins.

Riga Parade Gedenken Deportation Überlebende Gulag
Parade zum Gedenken an die Deportation lettischer Zivilisten durch sowjetische Truppen am 14. Juni 1941. Riga, 14. Juni 2014. Foto: Bryan Ledgard / flickr.com / CC BY 2.0

Eigentlich suchte Herta Lahne nur nach ihrem Vater. Sie war aus Nürnberg zurückgekehrt nach Meiningen, in ihre Heimatstadt, weil sie erfahren hatte, dass der von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet worden und seitdem verschwunden war. Sie hätte das besser nicht getan, denn am 1. April 1947 wurde sie in Weimar selbst verhaftet und zunächst für eine Woche an einem geheimen Ort festgehalten. Doch dann, in »normaler« Haft, wurde es für sie kaum besser. Zwar konnte sie ihren Vater noch einmal sehen, bevor der an den Folgen der in der Haft erlittenene Misshandlungen starb. Aber ihre eigene Odyssee ging weiter: Über verschiedene Gefängnisse und Lager wurde sie, wegen »Spionage« zum Tode verurteilt, in die Sowjetunion verschleppt. Bei einem der zahlreichen brutalen Verhöre in Moskau verlor sie ihr Gehör auf der rechten Seite, aber wenigstens die Strafe wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit gemildert, die sie bis 1955 im sibirischen Workuta ableistete. Dann wurde sie in die DDR entlassen. Bespitzelt und drangsaliert vom MfS, flüchtete sie ein Jahr später in den Westen.

Herta Lahne hat in einem Interview mit Meinhard Stark ihre Geschichte erzählt, und rund dreihundert andere Opfer des sowjetischen Gulag-Systems haben es ebenfalls getan. Stark hat darüber vor ein paar Jahren ein Buch veröffentlicht, und die Bundesstiftung Aufarbeitung hat mit diesen Unterlagen ein Zeitzeugenarchiv aufgebaut. Hier sind alle Interviews, die Lagerhäftlinge oder ihre Kinder aus verschiedenen Ländern gegeben haben, in schriftlicher Form versammelt.

Acht dieser Interviews wurden nun der Öffentlichkeit als Podcast zur Verfügung gestellt. Podcasts sind Audio- oder Videodateien, die man sich online anhören und ansehen kann; man kann sie sich aber auch auf den eigenen Computer, das Smartphone oder ein anderes Abspielgerät herunterladen und sie an einem beliebigen Ort nutzen. Ziel des Projekts der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn ist es, »nicht nur einen Beitrag zur dauerhaften Bewahrung der biographischen Überlieferungen ehemaliger Gulag-Häftlingen bzw. ihrer Kinder« zu leisten, sondern »auch einen Grundstein zur künftigen Bildungs- und Forschungsarbeit zum Gulag« zu legen, wie es heißt.

Im Gulag, also im sowjetischen System der Arbeitslager, sind im Verlauf der Jahrzehnte seines Bestehens hunderttausende von Menschen zugrundegegangen. Sie erfroren im sibirischen Winter, starben an Erschöpfung, an Krankheiten oder infolge von Misshandlungen. Wer überlebte, konnte sich glücklich schätzen, auch wenn er Schaden an Leib und Seele genommen hatte. In der Heimat allerings erwartete die Opfer häufig nur Desinteresse oder neue Repression. Dass sie dem Wissenschaftler Stark, der sein Projekt 1989 begann, ihre Geschichte erzählen konnten, war für sie ein bedeutender Augenblick. Bei der Vorstellung von Starks Buch sagte der Gulag-Überlebende Karl Heinz Vogeley ergriffen: »Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich erstmals die Möglichkeit habe, vor so einem Gremium darüber zu sprechen.«

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