Muss jetzt auch Lord Nelson weg?

Eine britisch-ghanaische Publizistin fordert, die berühmte Nelson-Statue auf dem Trafalgar Square in London zu entfernen. Der britischen Öffentlichkeit wirft sie Doppelstandards im Umgang mit Denkmälern vor.

Nelson Trafalgar Square London
Foto: Dun.can / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Als sich kürzlich in Charlottesville (Virginia, USA) Rassisten, Antisemiten und Neonazis zu einer Kundgebung für den Erhalt eines Denkmals für General Lee versammelten, ging die Nachricht um die Welt. Denn die Demonstration wurde begleitet von einer Gegendemonstration, es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und zu einer Amokfahrt eines Rechtsextremisten, bei der zahlreiche Menschen verletzt und eine Frau getötet wurden. Besondere Aufmerksamkeit erreichte das Fall dann durch die unangemessene Kommentierung der Vorgänge durch US-Präsident Donald Trump.

Angesichts der schockierenden Ereignisse geht ein bisschen unter, dass der Fall Charlottesville nur ein Fall von vielen ist. In den USA gibt es Dutzende dieser Denkmäler, und manche würden sie gerne alle einreißen oder wenigsten umstellen. Wegen der wenig spektakulären Begleitumstände bleibt die Aufmerksamkeit allerdings auf die betreffenden Städte und Gemeinden beschränkt.

Auch in Großbritannien wird historischen Figuren mit Statuen gedacht, deren Handlungen den heutigen moralischen Ansprüchen nicht mehr genügen. Die Aufmerksamkeit, die der Fall Charlottesville ausgelöst hat, nimmt die britisch-ghanaische Publizistin Afua Hirsch in einem Kommentar für die Tageszeitung The Guardian zum Anlass, den Blick in die Heimat zu wenden und die Entfernung der berühmten Nelson-Statue auf dem Trafalgar Square in London zu fordern. Er sei ein Befürworter der Sklaverei gewesen und »nutzte seinen Sitz im Oberhaus und seine enorm einflussreiche Position, um die Tyrannei, fortgesetzte Vergewaltigung und Ausbeutung aufrechtzuerhalten, die von westindischen Plantagenbesitzern organisiert wurde«.

Hirsch wirft der britischen Öffentlichkeit im Umgang mit Figuren wie Nelson Doppelstandards vor: Während man sich zurecht über die Nazis in Virginia und Präsident Trump empöre, weigere man sich, Konsequenzen aus dem durch die »kolonialistischen und sklavereibefürwortenden Titaten der britischen Geschichte« angerichtete Unrecht zu ziehen. Lord Nelson und die anderen hätten sehr wohl gewusst, was sie taten, wie das Beispiel Queen Victorias zeige, die einen in Peking geraubten Hund »Looty« nannte. Der Name leitet sich von dem Hindi-Wort »lut« ab, also »gewaltsam nehmen« oder »plündern«, das erst in der Kolonialzeit Eingang ins Englische gefunden hat.

Dem Einwand, man solle die Denkmäler lassen, wo und wie sie sind, weil sie nur aus ihrem historischen Kontext, in dem sie entstanden sind, verstanden werden müssten, lässt Hirsch nicht gelten. Sie wirft den Befürwortern des Status quo »Trägheit, Arroganz und intellektuelle Faulheit« vor. Der Fall des Hundes Looty sei bloß »einer auf einer langen Liste von Dingen, von denen wir zufrieden sind, sie zu vergessen, während wir vom Opium der ›historischen Integrität‹ saugen, die unsere Staturen aus der Kolonialzeit angeblich repräsentieren.« Für Hirsch ist deshalb klar: Die Statue des »white supremacist« Lord Neslon muss entfernt werden, weil er etwas objektiv Schlechtes getan hat und diese Taten durch sein Denkmal dauerhaft zu guten gemacht würden.

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